Leseprobe – Liebe war nie geplant

Leseprobe – Liebe war nie geplant


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Kapitel 1

Mit einem lauten Stöhnen stellte Lea den Rucksack vor der kleinen Almhütte ab, dann atmete sie tief ein. Die klare Bergluft strömte in ihre Lungen und sie roch den typischen Duft der Latschenkiefer, die hier überall wuchs. Mit in die Hüften gestemmten Armen ließ sie den Blick über die Almhänge schweifen, um anschließend ihre Aufmerksamkeit zurück auf das Stück Land zu lenken, wegen dem sie gekommen war. An der Grundstücksgrenze gurgelte munter der kleine Bach entlang, der wenige Meter oberhalb der Hütte entsprang. Meist führte er nur bis in den Spätsommer Wasser und versiegte dann, um mit der neuen Schneeschmelze wieder zu entspringen.
Lea schloss die Augen und genoss die Ruhe um sich herum. Einzig und allein das sanfte Säuseln des Windes, der über den Bergkamm strich, war zu hören.
Sosehr sie diesen Ort liebte – dass man ihn nur zu Fuß oder mit einem geländegängigen Fahrzeug erreichen konnte, hatte ihre Besuche in letzter Zeit überschaubar werden lassen. Da ihr eigenes Auto zuvor genanntes Kriterium nicht erfüllte, musste es wie immer im Tal zurückbleiben.
Auch Oma Rosalind die Hütte seit ein paar Jahren nicht mehr nutzen. Das hatte ihre Gesundheit nicht zugelassen. Früher, in Leas Kindheit, hatten sie fast jeden Sommer gemeinsam in den Kärntner Alpen verbracht. Die ersten sechs Jahre hatte sie sogar bei ihrer Großmutter in dem kleinen Haus im Tal gelebt. War barfuß über die saftigen Wiesen gelaufen und hatte Blumenkränze gebastelt, mit denen sie sich geschmückt hatte. Währenddessen hatte sich ihre Mutter in der Hauptstadt eine Karriere aufgebaut.
Dann, eines Tages, kurz vor ihrer Einschulung, hatte sie den idyllischen Ort verlassen und sich der Anonymität Wiens stellen müssen. Obwohl Lea dort rasch Freunde gefunden hatte, hatte sie Jahr für Jahr die Sommerferien herbeigesehnt, in denen sie zu Oma Rosalinde und den anderen bekannten Gesichtern zurückkehren konnte.
Irgendwann waren die Besuche jedoch seltener geworden. Lea hatte zu studieren begonnen, war nach Salzburg gezogen und ihre Interessen hatten sich geändert, sodass seit dem letzten Aufenthalt auf der Alm mittlerweile einige Jahre vergangen waren.
Dennoch hatte sich nichts verändert. Noch immer stand hinter der Hütte die alte knorrige Fichte, die bei Wind ächzte und stöhnte, als würde sie sich jede Sekunde zur Seite legen. Den halben Vormittag spendete sie Schatten. So herrschten selbst im Hochsommer angenehme Temperaturen in den Räumen.
Dieses wunderschöne Fleckchen Erde gehörte nun seit kurzem ihr ganz allein. Ihr erstes eigenes Zuhause, wenn auch nur für die warme Jahreszeit, denn für den Winter war die Hütte ungeeignet. Lea hatte nicht schlecht gestaunt, als Oma Rosalinde sie auf ihrer diesjährigen Geburtstagsfeier beiseite genommen und ihr eröffnet hatte, dass sie die Absicht hegte, ihr die Almhütte samt Grundstück zu überschreiben. Ihre Großmutter hatte jeglichen Einwand ihrerseits ignoriert und somit war Lea jetzt Besitzerin einer schnuckeligen Blockhütte.
Spontan hatte sie beschlossen, sich den Sommer über auf der Alm einzuquartieren. Hier, in der Einsamkeit der Berge, könnte sie sich in aller Ruhe um die Texte ihrer Autorinnen kümmern. Nichts und niemand würde sie von ihrer Arbeit ablenken, schon gar nicht Nelly Fey. So gerne sie die Geschichten dieser Frau lektorierte, so nervig war auch die Zusammenarbeit mit ihr. Nun hatte sie die Ausrede, dass sie nur über eingeschränkten Empfang verfügen würde. Dass dem nicht so war, musste sie ihrer Auftraggeberin ja nicht auf die Nase binden.
»Gefällt es dir hier, Rokko?«, fragte sie ihren tierischen Begleiter, der japsend um sie herumsprang. Entgegen ihren Bedenken, ob der zweijährige Mops den neunzigminütigen Fußmarsch vom Gasthof des Örtchens bis auf die Alm mitmachen würde, war er die gesamte Wegstrecke fröhlich vorausgehüpft.
»Na, dann lass uns mal hineingehen.«
Lea drückte die hölzerne Gartentür auf, die leicht schief in den Angeln saß. Der ganze Zaun befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Wenn sie nicht ungebetenen Besuch von den Kühen bekommen wollte, die hier die nächsten Monate weiden würden, müsste er schleunigst instand gesetzt werden. Und vieles andere ebenfalls, wie sie seufzend feststellte. Besonders der Kräutergarten war als solcher nicht mehr zu erkennen. Da sie vorhatte, bis zum Herbst auf der Alm zu bleiben, würde sich für Reparaturen sicherlich genügend Zeit finden.
»Ob wir uns da einen Gefallen getan haben, Rokko?« Skeptisch ging Lea den überwucherten Steinweg zur Hütte entlang. Der Mops blickte mit hängender Zunge an ihr empor und legte den Kopf schief, als hätte auch er seine Zweifel. Doch dann hopste er die zwei Stufen auf die Terrasse und bellte sein Frauchen auffordernd an. Sie steckte den altertümlichen Schlüssel ins Schloss und begann, wenig damenhaft zu fluchen. Erst durch mehrmaliges Ruckeln gelang es ihr, ihn herumzudrehen, bevor die schwere Holztür nachgab und sich mit einem lauten Knarren öffnen ließ.
»Schloss ölen und Scharniere schmieren« setzte sie auf ihre geistige To-do-Liste. Rokko lief an ihr vorbei, blieb jedoch auf der Türschwelle wie angewurzelt stehen. Ein Dachs baute sich vor ihm auf und starrte ihm aus trüben Glasaugen entgegen. Wütend knurrte der Mops den schwarz-weiß gestreiften Kerl an.
»Ruhig Blut, Rokko. Der tut dir nichts mehr!« Lea ging zu dem ausgestopften Wildtier und bugsierte es mit einem Tritt in den Garten. Ihre Großmutter hatte sich aus irgendwelchen, ihr unverständlichen Gründen nicht von dem hässlichen Monster trennen können. Als Kind hatte sie sich vor dem Dachs gefürchtet und sich partout nicht an ihm vorbeigetraut. Erst als Oma Rosalinde ihm ein buntes Kopftuch umgebunden und ihm ihre Zweitlesebrille auf die Nase gesetzt hatte, hatte sie seine Anwesenheit ertragen.
»Der Dachs muss weg« war der nächste Punkt auf ihrer Liste. Nein, nicht der nächste, der erste. Sie verschob ihn in Gedanken nach oben. Dann öffnete sie die Holzläden vor den Fenstern im unteren Stock, um Licht in den Raum zu lassen, der beinahe die gesamte Grundfläche der Hütte einnahm.
Interessiert blickte sich Lea um. Die Wohnküche war genau so, wie sie ihr in Erinnerung geblieben war. Im hinteren Bereich befand sich die Kochnische, bestehend aus einem Herd, der mit Holz befeuert werden musste, einer kleinen Anrichte und einem uralten Kühlschrank, der an allen Ecken und Enden rostete.
An den Holzwänden der Wohnstube hingen etliche Geweihe und ausgestopfte Tierköpfe, die sie auf keinen Fall weiter beherbergen wollte. Fast alle Möbel waren mit weißen Leintüchern abgedeckt, um sie vor Verschmutzung und Licht zu schützen. Lea mochte diese Macke ihrer Oma. Nun musste sie nur die Bettlaken vorsichtig übereinanderschlagen und in den Garten tragen. Dort konnte sie den Staub der letzten Jahre einfach in den leichten Frühsommerwind schütteln.
Rokko untersuchte indessen jeden Winkel des Raumes. Völlig verstaubt und über und über mit Spinnweben bedeckt tauchte er unter der Couch hervor. Er zog die Lefzen zurück und nieste so heftig, dass es ihn beinahe vorne überkippte.
»Was musst du auch da unten rumstöbern, du Dummmerle?« Lachend zupfte sie ihm den Schmutz von der Nase. »Los, raus mit dir!«, schimpfte sie und zeigte mit dem Finger zur Tür.
Behäbig trollte sich der Mops in den Garten, Lea folgte ihm. Er schlich mit einem skeptischen Blick an dem Dachs vorbei und suchte sich ein ruhiges Plätzchen im Schatten der Fichte. Mit einem theatralischen Seufzen legte er sich auf die Seite und schloss die Augen.
Ungerührt von dieser filmreifen Vorstellung kehrte Lea in die Hütte zurück und erweckte die Möbelstücke aus dem Winterschlaf. Anschließend holte sie aus der Kommode ihrer Großmutter ein Kopftuch hervor und band es sich um. Zielstrebig nahm sie eine Jagdtrophäe nach der anderen von der Wand und trug sie hinaus. Nur das Geweih hinter der Tür durfte bleiben, da es sich gut als Kleiderhaken eignete.
Da Lea befürchtete, dass sich Rokko über die Köpfe hermachen könnte, lagerte sie alles auf einen Haufen außerhalb der Umzäunung. Dann schnappte sie sich den Besen hinter der Tür und verbannte den restlichen Schmutz aus der Hütte. Zu guter Letzt füllte sie am Bach einen Eimer mit Wasser und wischte den Boden, bis auch das kleinste Staubkörnchen eliminiert war. Zufrieden blickte sie sich um und begab sich in den oberen Stock, in dem sich zwei Schlafzimmer befanden. Dort öffnete sie ebenfalls zuerst die Fenster und Fensterläden, warf einen Kontrollblick in den Garten auf ihren schlafenden Mops, bevor sie die Räume in gleicher Weise gründlich reinigte. Sie wuchtete die schwere Überdecke auf das winzige Fensterbrett und bezog das Bett, in dem sie als Kind hatte schlafen dürfen. Obwohl ihre Lieblingsbettwäsche schon mindestens drei Jahre feinsäuberlich zusammengelegt im Kleiderschrank darauf wartete, benutzt zu werden, roch sie erstaunlich frisch. Oder war ihre Großmutter entgegen ihrer Behauptung im letzten Herbst hier oben gewesen? Lea lächelte, als sie an die rüstige alte Dame dachte.
Oma Rosalinde zählte mittlerweile neunundachtzig Lenze und hatte bis vor einigen Monaten noch alleine in ihrem Haus in dem Zweihundertseelendorf im Tal gewohnt. In dem Örtchen kannte man sich untereinander und alle hatten der alten Dame hilfreich unter die Arme gegriffen. Erst als sie sich bei einem Sturz das Becken gebrochen hatte, hatte Leas Mutter sie dazu überreden können, in ein betreutes Wohnheim zu ziehen. Sie hatte es Oma Rosalinde als vorübergehende Lösung verkauft, bis sie wieder fit sei.
Nun aber gefiel es der alten Dame dort so gut, dass sie keinen Gedanken mehr an eine Rückkehr in die eigenen vier Wände verschwendete. Lea wollte sie in den nächsten Tagen besuchen, um ihr die persönlichen Dinge vorbeizubringen, die sie auf ihre Bitte hin aus dem Haus im Tal holen sollte.
Sie klopfte gerade das Kissen auf, als Rokko mit lautem Gebell einen Gast ankündigte. Robert, der Nachbarssohn, kam mit seinem alten Geländewagen den kaum sichtbaren Feldweg zu ihrer Hütte entlanggefahren.
Gestern bei ihrer Ankunft waren sie sich zufällig in dem Gasthof, in dem sie die Nacht verbracht hatte, über den Weg gelaufen. Spontan hatte er angeboten, ihr restliches Gepäck zu bringen. Roberts Vater besaß den einzig verbliebenen Bauernhof des Ortes. In ihrer Kindheit hatten fast in jedem Stall Kühe gestanden. Jetzt herrschte in ihnen entweder gähnende Leere oder sie waren zu Wohnraum umgebaut oder gar abgerissen worden, um Platz für neue Häuser zu schaffen. Roberts Vater bewirtschaftete seinen Hof nur noch als Hobby und lebte schon lange nicht mehr von den Erträgen. Er und sein Sohn waren, wie viele andere in dieser Gegend, Wintersaisonarbeiter. Von November bis April jobbten sie für die Liftgesellschaft des Skigebietes auf dem angrenzenden Berg. Sie sorgten für den reibungslosen Liftbetrieb oder präparierten die Pisten. Unweit der Hütte führte eine der Abfahrten vorbei, die von Juni bis September von einigen Kühen und einer Handvoll Ziegen begrast wurde.
Fröhlich winkend begrüßte sie den Mann, den sie von Kindesbeinen an kannte. Er war ein wenig älter als sie, doch sie hatten oft miteinander gespielt. Robert freute sich sichtlich, sie wiederzusehen. Natürlich wusste er wie alle anderen im Ort, dass Oma Rosalinde ihr die Almhütte vermacht hatte. Die meisten Dorfbewohner hatten sich gefreut, als sie erfahren hatten, dass Lea den Sommer hier verbringen würde. Obwohl sie vor Jahren den Ort verlassen hatte, gehörte sie dennoch zur Dorfgemeinschaft dazu.
»Die Heidi kehrt zurück«, hatte Wirtin Regina gestern scherzhaft gemeint und sie in die Arme gezogen. Danach war Lea von ihr genötigt worden, sich den Bauch vollzuschlagen, als hätte sie seit Monaten nichts mehr gegessen.
»Uii, du warst ja schon richtig fleißig!« Robert sprang gut gelaunt aus seinem Wagen. Erstaunt betrachtete er den Haufen aus Tierköpfen und Geweihen, auf dem obenauf der Dachs thronte. »Was hast du mit denen vor?«
»Kannst sie haben, wenn du willst. Mich gruseln die nur.« Lea schüttelte es ein wenig.
Er lachte. »Nein, danke! Aber ich nehme sie mit runter ins Tal und entsorge den Krempel für dich.«
»Das wäre super!« Erleichtert atmete Lea auf. Sie hatte überlegt, alles im Wald zu vergraben.
Robert umrundete sein Fahrzeug, öffnete die Heckklappe und zog zwei schwere Koffer von der Ladefläche des Pick-ups. »Steht dir übrigens«, sagte er und tippte sich an den Kopf.
Verlegen zog Lea das Tuch herunter, an das sie gar nicht mehr gedacht hatte, und stieß das Gartentor auf. Rokko schoss hinaus und bellte den Besucher an. Eigentlich quiekte er eher, wie sich bei Möpsen eben ein Bellen anhörte. Lea tadelte den Rüden, der augenblicklich ruhig wurde, seine Nackenhaare jedoch aufgestellt ließ.
»Nein, ehrlich. Siehst aus wie die Resi von der Alm.« Robert schubste den Hund mit dem Fuß zur Seite, was Rokko zum Anlass nahm, nach ihm zu schnappen. Mit dem in sein Hosenbein verbissenen Hund im Schlepptau trug er ihr Gepäck in die Hütte.
»Blödmann!«, feixte Lea, wuschelte sich durch ihre langen braunen Haare und folgte ihm. »Wer bist du dann? Der Anton aus Tirol?«
Statt einer Antwort trällerte er: »Resi, i hol’ di mit mei’m Traktor ob …«, und stellte grinsend die Koffer mitten in die Wohnküche. »Willst du für immer einziehen?« Skeptisch betrachtete er Leas großen Rucksack, den sie selbst hochgeschleppt hatte.
»Erst mal nur bis zum Herbst.«
Robert runzelte die Stirn. »Hast du im Lotto gewonnen, dass du es dir leisten kannst, beinahe ein halbes Jahr auf der Alm zu verbringen? Vermisst dich auf der Arbeit niemand?«
»Ich kann meinen Job überall erledigen. Was das betrifft, brauche ich nur einen Laptop und Internet … sofern ich hier Empfang habe.« Lea bückte sich und brachte Rokko endlich dazu, ihren Jugendfreund in Ruhe zu lassen.
»Die Anbindung ans Netz ist auf der Alm fast besser als unten im Dorf«, zerstreute er ihre Bedenken. »Die Hotels auf der anderen Seite des Berges haben dafür gesorgt, dass ein zusätzlicher Sendemast aufgestellt wurde. In der heutigen Zeit geht ohne World Wide Web gar nichts mehr. Frag doch im Brunnhof nach, der Peter lässt dich bestimmt gegen eine kleine Gebühr seinen Zugang nutzen.«
»Darum werde ich mich später kümmern, erst mal muss ich ankommen und alles auf Vordermann bringen. Könntest du den da bitte hinauftragen?« Lea zeigte auf den größeren der beiden Koffer.
»Natürlich.« Robert nickte und schleppte das schwere Ding die schmale Treppe hinauf. »Wohin?«, rief er über seine Schulter nach unten.
»Einfach aufs Bett!«, antwortete sie und er verschwand aus ihrem Blickfeld.
Sie wartete nicht, bis er wieder herunterkam, sondern kramte sogleich im anderen Koffer, in dem sich hauptsächlich Schuhe befanden. Erleichtert zog Lea ein paar Flip-Flops hervor und befreite ihre Füße von den klobigen Wanderstiefeln. Später würde sie ihre mit Blasen geplagten Zehen in den Bach stecken, denn so einen Luxus wie fließendes Wasser gab es hier oben nicht, genauso wenig wie Strom. Den musste sie mithilfe des alten Stromerzeugers im Verschlag hinter der Hütte selbst produzieren. Ob der nach der langen Zeit überhaupt ansprang?
»Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«, riss Robert sie aus ihren Gedanken. Lea hatte gar nicht bemerkt, dass er zurückgekehrt war.
»Wenn du schon fragst. Würdest du mit mir nach dem Generator sehen? Ich kenne mich mit dem Ding nicht aus.« Flehend blickte sie ihn an.
Ihr Jugendfreund schien sich in der Rolle des rettenden Helfers wohlzufühlen, denn er nickte mit einem zufriedenen Grinsen. »Ich schaue mir das gerne an.«
Gemeinsam gingen sie um die Hütte herum. Robert musste erst ein paar Efeuranken entfernen, bevor er die Klappe des Verschlags öffnen konnte.
»Heiliger Bimbam, der hat seine besten Jahre aber schon lange hinter sich.«
»Meinst du, der läuft noch?«
»Das werden wir gleich wissen. Ich habe einen Kanister Diesel auf dem Pick-up, den kann ich dir abgeben«, erklärte Robert und verschwand, um den Treibstoff zu holen. Er füllte ein paar Liter in den Tank und drückte auf den Startknopf, doch das Monster gab keinen Ton von sich.
»Hm … mir scheint … obwohl … warte …«, murmelte er und hantierte an dem in die Jahre gekommenen Stromerzeuger herum. Als er nochmals auf den Knopf drückte, war ein Gurgeln zu hören. »Tut mir leid, die Batterie hat wohl zu wenig Saft, du wirst heute ohne Strom auskommen müssen. Ich bringe dir morgen eine neue vorbei.«
»Danke, das ist lieb von dir. Hoffentlich liegen irgendwo noch Streichhölzer herum. Die habe ich blöderweise vergessen.«
»Und wie willst du dann kochen?« Robert schüttelte lachend den Kopf.
»Anscheinend war ich zu lange fort«, meinte Lea nicht minder belustigt.
»Ich habe ein Feuerzeug im Auto, das kann ich dir geben.« Er ließ den Deckel des Verschlags zufallen. »Morgen bekomme ich das Ding zum Laufen. Du solltest aber über eine Alternative nachdenken, falls du wirklich hierbleiben willst. Er sieht nicht mehr vertrauenserweckend aus.«
Robert ging zum Wagen und kramte im Mittelfach. Er reichte ihr ein rotes Gasfeuerzeug und stieg ein. »Deinen Friedhof der Kuscheltiere hole ich später. Ich muss erst zu meiner Hütte hinauf.« Mit einem Kopfnicken deutete er in Richtung Gipfel. »Wenn du mir aufschreibst, was du sonst noch brauchst, kann ich dir das Nötigste mitbringen. Nicht dass du hier oben verhungerst.« Er zwinkerte ihr verschmitzt zu, was jedoch nicht anzüglich zu deuten war.
Lea war erleichtert, dass sich ihr Jugendfreund an ihr Abkommen hielt und ihr keine weiteren Avancen machte. Sie hatten es als Teenager kurz miteinander probiert, doch das war gründlich schiefgegangen. Deshalb war Lea ihm gegenüber zu mehr als nur Freundschaft nicht bereit. Robert war für sie wie ein großer Bruder, ein guter Freund, ein Kumpel, mit dem sie Pferde stehlen konnte. Das sollte nach Möglichkeit auch so bleiben.
»Danke, das ist nett gemeint, aber ich habe genug dabei, um die nächsten zwei Tage über die Runden zu kommen. Außerdem – sehe ich aus, als würde ich vom Fleisch fallen?« Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und drehte sich vor ihm.
Robert grinste noch breiter. »Also, als Bäu’rin taugst du nicht, da hätte ich Angst, dass du bei der Arbeit zusammenklappst.«
»Ich habe keinesfalls vor, meine Füße in Gummistiefel zu stecken und durch Mist zu waten.«
»Das würde bestimmt schick aussehen! Bist du dir sicher, dass ich dir nichts mitbringen soll?«
»Übermorgen muss ich ohnehin zu Oma Rosa, da werde ich einkaufen gehen.«
»Und wie willst du das Zeug zur Hütte bekommen?« Er schüttelte missbilligend den Kopf.
»Rucksack?«
»Das ist doch Blödsinn. Kauf ein und komm zu mir. Ich schaff dich mit Sack und Pack hinauf. Wegen der Kühe bin ich sowieso jeden Tag hier oben.«
Robert akzeptierte kein »Nein« und so gab sich Lea geschlagen und willigte ein. Sie winkte ihm noch zum Abschied, danach ging sie zurück in die Hütte. Rokko hatte mittlerweile beschlossen, dass die Couch ihm gehörte. Mit allen Vieren von sich gestreckt lag er mitten auf der Kuscheldecke und ließ den Kopf über die Kante hängen.
Lea seufzte. »Dann lass uns mal auspacken.«
Der Rüde öffnete kurz ein Auge, entschied allerdings, dass sie unter keinen Umständen mit ihm gesprochen haben konnte, und schlief mit einem lauten Schnaufer weiter.


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Kapitel 2

»Herr Bylund, der Chef möchte Sie sprechen!«
Mollys aufreibende Stimme drang in Mikaels Ohr und er wusste sogleich, dass der heutige Tag nichts Gutes bringen würde. Nachdem er tief Luft geholt hatte, hob er den Blick. Die Chefsekretärin hatte die Tür zu seinem Büro gerade so weit geöffnet, dass sie problemlos ihren Kopf mit dem kurz geschnittenen Bob hereinstrecken konnte. Erwartungsvoll schaute sie ihn an. Ihre schwarz geschminkten Augen und die nach unten hängenden Mundwinkel verliehen ihr ein wenig das Aussehen von Grumpy Cat. Einzig die knallroten Lippen passten kein bisschen ins Bild.
»Komme gleich«, antwortete er knapp, doch sie schüttelte ihre kurzen blonden Haare. »Herr Schmitz hat ausdrücklich betont, dass er Sie sofort sehen möchte.«
Mikael unterdrückte ein Seufzen, legte seinen Stift aus der Hand und folgte Molly.
Seit etwa einem halben Jahr arbeitete er für Leonard Schmitz, einen Baumagnaten, der vorzugsweise Luxushotels aus dem Boden stampfte. Anfangs dachte er, mit dem Auftrag das große Los gezogen zu haben. Zumal er schon lange den Wunsch gehegt hatte, mehr als nur Einfamilienhäuser zu entwerfen. Dass er das neue Hotel, das mitten in einem Skigebiet entstehen sollte, planen durfte, war ihm wie ein Traum erschienen. Ein Traum, der sich rasch als Albtraum entpuppt hatte, denn Mikael hatte einen fatalen Fehler begangen: Er hatte sich mit der Tochter des Chefs eingelassen. Obwohl ihm zu dem Zeitpunkt nicht bewusst war, wen er sich da ins Bett geholt hatte, hatte Schmitz ihm sogleich die Arschkarte gezeigt. Seiner Meinung nach hätte sich Mikael als einfacher Architekt niemals seiner Tochter nähern dürfen. Seitdem schikanierte er ihn, wann immer es ihm möglich war. Behandelte ihn wie den letzten Dreck und halste ihm Arbeiten auf, die jeder Azubi erledigen könnte. Damit Mikael seinen eigentlichen Aufgaben nachkommen konnte, war er gezwungen, Überstunden zu machen, für die es natürlich kein zusätzliches Geld gab.
Zudem war sein Chef auch in anderen Bereichen skrupellos. Ihn interessierten weder die Natur noch die ortsansässigen Firmen. Auf seinen Baustellen arbeiteten hauptsächlich Billiglohnarbeiter aus dem Osten. Außerdem sparte er an der Qualität der Baumaterialien. Der Bau hatte so billig wie möglich zu erfolgen. Der Frage, ob das Gebäude nach ein paar Jahren zusammenstürzte, schenkte er keinerlei Beachtung.
Im Grunde genommen widersprach diese Einstellung Mikaels Philosophie, doch er musste sich zusammenreißen und seinen Mund halten. Erstens würde jeglicher Einwand seinerseits sowieso abgeschmettert werden und zweitens hatte er schon viel zu viel Energie und Zeit in das Projekt investiert. Seine Existenz hing davon ab, dass dieses Hotel gebaut wurde. Schmitz hatte ihn mit einem Knebelvertrag festgesetzt, der besagte, dass Mikael den Löwenanteil der Entlohnung in Form einer Provision erst nach Baubeginn bekommen würde. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich sämtliche Schikanen gefallen zu lassen. Deshalb biss er auch jetzt die Zähne zusammen, klopfte kurz an die Tür und betrat das helle, modern eingerichtete Büro. »Molly sagte, Sie wollen mich sprechen?«
Leonard Schmitz saß hinter einem feudalen Mahagoni-Schreibtisch auf dem Chefsessel und ignorierte ihn. Wie immer hatte er das Sakko des mausgrauen Anzugs über die Rückenlehne gehängt. Ohne aufzublicken, blätterte er interessiert in einer Zeitschrift.
Mikael räusperte sich und verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte die Spielchen so satt, trotzdem gelang es ihm, Ruhe zu bewahren.
Endlich faltete Schmitz das Magazin zusammen und richtete seine Krawatte. Noch nie hatte Mikael etwas Hässlicheres gesehen als besagten Schlips. Die Farben passten überhaupt nicht zueinander. Das kräftige Rot strahlte mit dem Gelb um die Wette. Außerdem prangte ein riesiger Kaffeefleck auf der breitesten Stelle. Diese Geschmacksverirrung eines Möchtegernmodedesigners war anscheinend Schmitz’ Lieblingsstück. Mikael vermutete, dass er mehrere davon besaß, denn er konnte sich nicht daran erinnern, dass jemals eine andere an diesem dicken Hals hing.
»Ah, Herr Bylund«, sagte Schmitz, als würde ihn sein Auftauchen verwundern. Dann drückte er auf den Knopf seiner Gegensprechanlage. »Wo zum Kuckuck bleibt mein Kaffee, Molly? Und besorgen Sie mir ein Stück Kuchen!«
Sich missbilligend den Kopf kratzend lehnte er sich in seinem Sessel zurück. Dabei legte er die Arme in den Nacken, sodass sein Bauch an der Tischkante anstieß. Unweigerlich starrte Mikael auf die beiden dunklen Flecken unter seinen Achseln.
Ohne ihm einen Platz anzubieten, begann sein Chef damit, sein Anliegen vorzutragen. Tatsächlich war es kein Anliegen, eher ein Befehl: »Sie fahren noch heute in das Kaff und bringen die alte Schachtel dazu, endlich ihre Almhütte zu verkaufen. Und halten Sie den Preis so niedrig wie möglich. Ich gebe Ihnen eine Woche, um die Sache zu regeln. Notfalls sprengen Sie die Bude in die Luft!«
Mikael zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Er hatte nur am Rande mitbekommen, dass es Schwierigkeiten mit dem Erwerb eines der Grundstücke gab, da dies nicht im Entferntesten in sein Aufgabengebiet fiel. »Mit dem allergrößten Respekt, Herr Schmitz, aber sollte das nicht Herr Braun erledigen? Immerhin hat er sich bislang darum gekümmert.«
»Herr Braun ist im Urlaub und Sie haben sowieso nichts zu tun. Im Übrigen scheinen Sie – für mich zwar in keinster Weise nachvollziehbar – eine gewisse Wirkung auf Frauen zu haben. Also müsste es für Sie ein Leichtes sein, die Alte über den Tisch zu ziehen. Fahren Sie mit Ihrem Privatwagen, nach wie vor soll niemand wissen, dass wir dort bauen wollen.« Er klappte sein Magazin wieder auf und betrachtete damit das Gespräch als beendet.
Unschlüssig blieb Mikael mitten im Raum stehen. Entgegen der Behauptung, dass er nichts zu tun hatte, wartete ein ganzer Stall Arbeit auf ihn. Die Änderungswünsche des Bauherrn mussten noch umgesetzt werden und das waren nicht gerade wenige gewesen. Außerdem behagte ihm der Auftrag überhaupt nicht. Er hatte kein Problem damit, mit einem Geschäftsmann knallharte Verhandlungen zu führen. Indes einer Omi ein Grundstück zu einem Spottpreis abzuluchsen, war eine vollkommen andere Geschichte.
»Warum sind Sie immer noch da?« Schmitz senkte seine Zeitung und bedachte ihn mit einem herabsetzenden Blick.
»Wann soll ich Ihrer Meinung nach die Pläne ändern?«
»Nehmen Sie die Unterlagen eben mit und arbeiten die Nacht durch. Oder kündigen Sie, wenn es Ihnen zu viel wird. Schließlich waren Sie es, der getönt hat, er würde Tag und Nacht zur Verfügung stehen, sollte ich ihn beauftragen. Und jetzt verschwinden Sie endlich!«
Mikael spielte einen kurzen Moment lang tatsächlich mit dem Gedanken, den Job hinzuwerfen. Leider konnte er sich einen Ausstieg aus dem Projekt beim besten Willen nicht leisten. Das mickrige Monatsgehalt, das er bekam, war ein Witz und deckte gerade einmal die laufenden Kosten. Würde er nicht nebenbei noch den Ausbau des Dachgeschosses eines Einfamilienhauses planen, müsste er längst an sein Erspartes gehen.
Im Nachhinein betrachtet fragte er sich, was ihn dazu getrieben hatte, seinen gut bezahlten Job bei der österreichischen Niederlassung der schwedischen Fertighausfirma aufzugeben und sich selbstständig zu machen. Bislang hatte ihm diese Entscheidung nur Nachteile eingebracht. Seine Luxuswohnung in der Innenstadt hatte er verkauft und sich etwas Günstigeres gesucht. Der Sportwagen musste im Hinblick auf die Baustelle einem Geländewagen mit Pritsche weichen und seine Freundin war ihm gänzlich abhandengekommen. Sie hatte seinen Lebenswandel mehr geliebt als ihn selbst. Aber es war nun einmal, wie es war, zurück konnte er auf keinen Fall.
Mikael ging in sein Büro und raffte die Pläne zusammen. Anschließend schnappte er sich seinen Laptop und den Autoschlüssel und fuhr nach Hause. Besser gesagt in die Wohnung, in der er lebte, denn ein Zuhause war sie für ihn nicht. Ihm fehlten die überschwänglichen Begrüßungen seines Collies. Die Hündin hatte seine Ex mitgenommen.
»Du hast sowieso keine Zeit für sie«, hatte sie verkündet und er musste ihr leider zustimmen. Schmitz würde es niemals dulden, dass sein Hund mit zur Arbeit kam, und Lady den ganzen Tag alleine zu lassen, brachte er nicht übers Herz.
Bei Sabine ging es ihr gut, dieses Wissen musste ihm genügen. Anfangs kam ihm die Idee, sie hin und wieder zu besuchen. Das klappte schließlich auch mit gemeinsamen Kindern, doch es blieb bei dem einen Mal. Im Gegensatz zu Sabine empfand Mikael immer noch etwas für seine Ex und es tat zu sehr weh, sie mit einem Anderen zu sehen. Also verabschiedete er sich von der Frau, die er einmal heiraten wollte, wie auch von der dreijährigen tierischen Weggefährtin und kehrte nie mehr zurück. Das war zugleich der Moment, in dem Mikael beschloss, sich von keiner Frau mehr ausnutzen zu lassen. Natürlich würde er sich seinen Spaß gönnen, aber eine Beziehung kam nicht infrage. Zurzeit war nur eines wichtig: seine Karriere.
Er legte die Unterlagen auf den Küchentisch, der ihm als Arbeitsplatz diente, und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Selbst wenn Schmitz im Viereck sprang, er würde sich erst in zwei Stunden auf den Weg machen, um dem Feierabendverkehr zu entgehen. Zuvor mussten außerdem seine Nerven mit einer Zigarette beruhigt werden. Mikael holte die Schachtel aus seiner Jackentasche und setzte sich auf seinen kleinen Balkon. Mit in den Nacken gelegtem Kopf ließ er genüsslich den Rauch in seine Lungen strömen. Kurz darauf stieß er ihn wieder aus und platzierte die Füße auf dem Geländer. Dabei beobachtete er nachdenklich die Rauchwolke, wie sie in den Himmel stieg und sich auflöste. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, damit aufzuhören, doch die Trennung von Sabine und der Stress im Büro hatten ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.
»Bring den Auftrag zum Abschluss und du wirst Ruhe haben!«, sagte er laut zu sich selbst. Vor allem wären dann seine Taschen endlich wieder mit Kohle gefüllt. Mikael schloss die Augen und atmete tief durch. Obwohl das Bier bereits leer und die Zigarette längst zu Ende geraucht war, blieb er noch eine Weile sitzen, bevor er sich aufraffen konnte, seine Sachen zu packen.
Molly hatte ihm ein Zimmer in dem einzigen Dorfgasthof gebucht und ihm die Akte der Frau in die Hand gedrückt, die es zu überzeugen galt. Mikael schlug die Mappe auf. Rosalinde Muhr hieß die alte Dame, die sich querstellte und ihre dämliche Almhütte nicht verkaufen wollte. So stand es jedenfalls auf der Kopie des Grundbuchauszugs. Neugierig betrachtete er das Foto, das eine weißhaarige Frau mit einem verschmitzten aber dennoch warmherzigen Lächeln zeigte. Es konnte doch nicht so schwer sein, einer fast Neunzigjährigen das Häuschen abzuknöpfen. Zumal sie es anscheinend schon längere Zeit nicht mehr nutzte, wie die beigelegten Fotografien vermuten ließen. Der Garten war verwildert, der Zaun schief und auf dem Dach fehlten etliche Holzschindeln. Strom und Wasser gab es da oben auch nicht, das wusste er, da ihm die genaue Kostenaufstellung zur Erschließung des Hotels bekannt war. Was also wollte die Omi mit der Bruchbude noch?
Mikael zuckte mit den Schultern. Spätestens morgen würde er es wissen, jetzt lagen erst einmal zwei Stunden Fahrt durch die Pampa vor ihm. Er kannte das zukünftige Baugebiet nur von Bildern und Plänen. Schmitz hatte es nie für nötig gehalten, ihm das Gelände zu zeigen. Im Gegenteil, er hatte es sogar verhindert. »Das erregt zu viel Aufsehen, wenn sich da ein hochgewachsener, blonder Fremder mit schwedischem Akzent rumtreibt«, hatte er behauptet. Bis heute war es Mikael unbegreiflich, warum sein Chef derart Wert darauf legte, dass niemand von dem Bauvorhaben mitbekam. Was war denn dabei, wenn das Skigebiet ein neues Hotel bekam? Schließlich standen dort bereits einige rum und nun sollte eben noch eins dazukommen. Na und?
Mikael nahm an, dass der alte Griesgram ziemlich am Ende mit seinem Latein war. Sonst würde er nicht ausgerechnet ihn schicken, um das Mütterchen umzustimmen. Damit er den Schein wahren konnte, würde er sich als Tourist ausgeben, der vorhatte, ein paar Tage durch die Wildnis zu wandern. Zumal Schmitz in einem Punkt vollkommen recht hatte: Falls ihn nicht schon sein Aussehen verriet – spätestens sobald er zu sprechen begann, würde bei seinem Akzent ausnahmslos jeder wissen, dass er nicht aus der Gegend stammte. Was in der Angelegenheit sogar von Vorteil war.
Mikael holte seine Laufschuhe aus der Kommode. Die alten Treter würden nun doch noch einmal zum Einsatz kommen. Vor der Trennung von Sabine hatte er morgens immer seine Runde mit Lady gedreht. Das Joggen hatte er jedoch aufgegeben, da es ihm ohne die Colliehündin keinen Spaß bereitete. Stattdessen zog es ihn jetzt Abend für Abend ins Fitnessstudio. Nicht weil er ein Gesundheitsfanatiker war, sondern weil ihm die Einsamkeit in den eigenen vier Wänden unerträglich erschien. Wenigstens blieb er so in Form und musste sich mit seinen zweiunddreißig Jahren nicht mit überschüssigen Kilos herumärgern wie viele andere in seinem Alter.
Die Schuhe verschwanden in der Reisetasche, ihnen folgten eine Regenjacke und das Nötigste aus dem Badezimmer. Den Bart hatte sich Mikael erst heute Morgen gestutzt, also würde er die nächsten Tage Ruhe haben. Der sogenannte Dreitagebart brauchte bei ihm Wochen, um vernünftig auszusehen, weshalb er sich nur selten ganz rasierte. Mikael kippte den Inhalt des Wäschekorbs in die Tasche. Die Klamotten hatten erst gestern den Trockner verlassen, er war jedoch zu faul gewesen, um sie in den Schrank zu räumen. Eigentlich kam es in letzter Zeit fast nie vor, dass sie das Innere seines Kleiderschranks zu sehen bekamen, da er sich meist direkt aus dem Korb bediente. Wozu auch! Nun musste er sich über seine Garderobe wenigstens nicht lange den Kopf zerbrechen. Was letzte Woche gut war, würde für nächste Woche ebenfalls reichen, da er geschäftlich wie privat denselben Kleidungsstil zu tragen pflegte.
Eine Viertelstunde später saß Mikael in seinem Geländewagen. Gepäck und Unterlagen waren auf der Rückbank verstaut, während er fröhlich das Lied mitträllerte, das im Radio lief. Plötzlich fand er Gefallen daran, ein paar Tage rauszukommen. Eine Woche ohne Schmitz’ Schikanen würde sich wie Urlaub anfühlen. Unbezahlter Urlaub zwar, denn er würde für diesen Auftrag kein extra Geld bekommen. Das war klar wie Kloßbrühe angesichts der Knausrigkeit seines Auftraggebers, aber das spielte keine Rolle.