Leseprobe – Schwere Zeiten

Leseprobe aus Schwere Zeiten

Band 0 der Blackstorm – Reihe

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Kapitel 1

Das Handy rutscht Mila aus den zit­tern­den Fin­gern. Ihr Ge­sicht ver­liert an Farbe und sie sackt in sich zu­sam­men. Sie ver­sucht zu schrei­en, doch kein Wort kommt über ihre Lippen. Ihre Kehle ist tro­cken und sie vermag kaum zu schlu­cken. Auch das Atmen fällt ihr schwer. Es ist fast so, als wäre ihr ge­sam­ter Körper in eine Schock­star­re ge­fal­len. Nur am Rande nimmt sie wahr, wie Jo­na­than auf sie zu­stürzt und sie gerade noch auf­fan­gen kann, bevor sie auf dem Boden aufschlägt.
Sie kann … nein, sie will nicht be­grei­fen, was sie soeben er­fah­ren hat. Ihre Eltern sind tot, bei einem Au­to­un­fall ums Leben ge­kom­men. Tau­sen­de Ki­lo­me­ter ent­fernt, in einem frem­den Land. Nie wieder wird sie in Moms la­chen­des Ge­sicht sehen oder Dads an­ge­nehm sonore Stimme hören. Sie wird sich nicht einmal von ihnen ver­ab­schie­den können, denn ihre Lei­chen werden schon über­mor­gen in Deutsch­land verbrannt.
Dabei hat sie doch erst vor ein paar Stun­den mit den beiden te­le­fo­niert. Mom war rich­tig auf­ge­regt ge­we­sen, weil sie ihren ›Klei­nen‹, wie sie Ryan immer noch nennt … nannte, end­lich wie­der­se­hen durfte.
Ihr Bruder war vor etwa drei Mo­na­ten mit zwei Pfer­den nach Europa ge­reist, um dort an einem Trai­nings­camp für ta­len­tier­te Jung­rei­ter teil­zu­neh­men. Mehr als ein halbes Jahr hatte er dem Termin ent­ge­gen­ge­fie­bert. Den Auf­ent­halt hatten ihm Mom und Dad zu seinem fünf­zehn­ten Ge­burts­tag ge­schenkt. Zwölf Wochen Deutsch­land, die ge­sam­ten Som­mer­fe­ri­en lang. Ihre Eltern woll­ten Ryan nun ab­ho­len. Erst ges­tern Morgen waren sie des­halb über den großen Teich ge­flo­gen und jetzt sollen sie nie wieder heimkommen.
Mila hört das Blut in ihren Ohren rau­schen. Sie ist einer Ohn­macht nahe und eine un­be­schreib­li­che Übel­keit steigt in ihr auf. Nach wie vor ist sie un­fä­hig, einen Ton her­vor­zu­brin­gen. Re­gungs­los liegt sie in den Armen ihres Arbeitskollegen.
»Mila? Was ist los? Wer war das am Te­le­fon?« Jo­na­thans Stimme zit­tert. Obwohl sie sich erst seit Kurzem kennen, da Mila noch nicht lange im Mana­tee Rescue Resort ar­bei­tet, ver­ste­hen sie sich gut. Jo­na­than ist meist bester Laune, bringt sie mit seinen Späßen zum Lachen. Mit den dunk­len Haaren und den tief­grün­di­gen Augen, in denen oft der Schalk blitzt, sieht er au­ßer­dem ver­dammt gut aus. Wenn Mila ehr­lich ist, muss sie zu­ge­ben, dass sie ein wenig in ihn ver­liebt ist.
Er schüt­telt sie sanft, um ihre Auf­merk­sam­keit zu er­lan­gen. All­mäh­lich ge­lingt es ihr, wieder zu atmen und sie er­wacht aus ihrer Starre. Sie blickt in sein schre­cker­füll­tes Ge­sicht. Nach wie vor geben ihre Augen die Tränen, die sie so gerne weinen würde, nicht frei. Plötz­lich kann sie Jo­na­thans Nähe nicht mehr er­tra­gen und windet sich aus seiner Um­ar­mung. Es über­kommt sie das Gefühl, am fal­schen Ort zu sein. Sie muss auf der Stelle nach Fort Myers zu­rück­keh­ren und sich um das Hotel ihrer Eltern küm­mern. Mein Gott, wie soll das jetzt wei­ter­ge­hen? Sie hat doch gar keine Ahnung, wie man ein Hotel führt. Ihre Eltern hatten sie immer darin be­stärkt, ihren Wunsch­be­ruf ›Bio­lo­gin‹ zu er­grei­fen und darauf ge­hofft, dass Ryan in Dads Fuß­stap­fen treten würde. Er solle einmal alles erben, aber im Moment liegt die Ver­ant­wor­tung bei ihr.
»Meine Eltern sind tot. Ich muss nach Hause«, er­öff­net sie ihm mit ton­lo­ser Stimme.
»Was ist pas­siert, Mila?« Jo­na­than drückt sie sicht­lich scho­ckiert an seine Brust und igno­riert ihre Gegenwehr.
»Ich weiß es nicht genau. Mein Bruder hat nur gesagt, dass sie einen Au­to­un­fall hatten.« Sie be­ginnt zu schluch­zen. End­lich bre­chen ihre Tränen hervor. Heiß rinnen sie un­auf­halt­sam über ihre Wangen, be­net­zen Jo­na­thans T‑Shirt, doch das küm­mert ihn wenig. Er hält sie wei­ter­hin fest im Arm und streicht ihr be­ru­hi­gend über das schwar­ze, kurz ge­schnit­te­ne Haar.
Mila fühlt Panik in sich auf­kom­men. Sie fragt sich, wie sie die Auf­ga­ben, die nun auf sie zu­kom­men werden, be­wäl­ti­gen soll. Ihr bis­lang wohl­be­hü­te­tes Leben ist mit einem Mal vorbei. Erst vor ei­ni­gen Wochen hat sie ihr El­tern­haus ver­las­sen. Nun steht sie mit ihren zwan­zig Jahren plötz­lich ganz al­lei­ne da und soll sich um ein Hotel küm­mern und für ihren jün­ge­ren Bruder sorgen.
Ihr Bruder! Ryan. Wie schreck­lich muss es ihm gehen. Er war dabei, als der Unfall ge­schah. Er war ge­zwun­gen, den Eltern beim Ster­ben zu­zu­se­hen und konnte nichts da­ge­gen tun. Wird er das Er­leb­te ver­kraf­ten? Wie schafft man es, über so ein Er­eig­nis über­haupt hinwegzukommen?
Mila schließt re­si­gniert die Augen. Egal was kommt, sie wird es schaf­fen müssen. Ryan zu­lie­be wird sie ihren Traum­job an den Nagel hängen und ins Black­stone Hotel zu­rück­keh­ren. Er soll unter keinen Um­stän­den auch noch sein Zu­hau­se ver­lie­ren. Sie wird für ihn da sein, ihm eine gute Aus­bil­dung er­mög­li­chen und ihre ei­ge­nen In­ter­es­sen zu­rück­stel­len, bis er er­wach­sen ist und auf ei­ge­nen Beinen stehen kann. Fa­mi­lie ist das Al­ler­wich­tigs­te, das be­ton­ten Mom und Dad immer wieder; und sie hatten recht. Ihr Bruder und sie müssen nun zu­sam­men­hal­ten, dann können sie alle Hürden be­wäl­ti­gen, die sich ihnen in den Weg stel­len werden.


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Kapitel 2

ig! Der Gaul hat sie nicht mehr alle!«, brüllt einer der Pfer­de­pfle­ger, die dabei be­hilf­lich sind, den Hengst aus dem Hänger zu laden. Mila steht in si­che­rer Ent­fer­nung und be­ob­ach­tet das Geschehen.
Der Rappe faucht und gibt ein schril­les Wie­hern von sich. Seine Augen sind schreck­ge­wei­tet, sodass man das Weiße darin sehen kann. Er steigt und ver­sucht, sich los­zu­rei­ßen. Doch schon ist der Tier­arzt zur Stelle und jagt ihm mit einem Blas­rohr eine wei­te­re Por­ti­on Be­täu­bungs­mit­tel in die Flanke. Es dauert nicht lange, dann be­ginnt das stolze Tier be­nom­men zu tor­keln und kämpft damit, auf den Beinen zu blei­ben. Erst als sich die Männer ab­so­lut sicher sind, dass er genug damit zu tun hat, sein Gleich­ge­wicht zu halten, nähern sie sich ihm wieder.
»Bringt ihn auf die große Koppel, so­lan­ge das Mittel wirkt.«
Stall­meis­ter Tom treibt seine Leute zur Eile an, des­halb be­merkt er den Ju­gend­li­chen nicht, der still und leise vom Bei­fah­rer­sitz des Trans­por­ters klet­tert. Mila al­ler­dings ent­deckt ihren Bruder sofort. Ent­setzt stellt sie fest, wie ab­ge­kämpft er aus­sieht. Dunkle Au­gen­rin­ge zeugen davon, dass er in den letz­ten Tagen wohl zu wenig Schlaf be­kom­men hat. Er lässt die Schul­tern hängen und sein leerer Blick be­rei­tet ihr zu­sätz­lich Sorgen. Kein Biss­chen von der für ihn ty­pi­schen ju­gend­li­chen Fröh­lich­keit ist mehr zu ent­de­cken. Aus­drucks­los und mit star­rer Miene be­ob­ach­tet er, wie Blacks­torm weg­ge­führt wird. Dass er sich nicht selbst um sein Pferd küm­mert, lässt Mila noch mehr stut­zig werden. Nor­ma­ler­wei­se flippt er schon aus, wenn sich jemand auch nur in die Nähe des Hengs­tes begibt. Da er jedoch ein­fach an Ort und Stelle stehen bleibt, geht sie zu ihm.
»Ryan! Mein Gott, was bin ich froh, dass du end­lich hier bist.« Sie fällt ihm um den Hals.
Doch ihr Bruder er­wi­dert ihre Um­ar­mung nicht. Re­gungs­los lässt er die Be­grü­ßung über sich er­ge­hen. Kein Wort des Tros­tes, kein Zei­chen seines Schmer­zes, kein Hin­weis auf die Ver­zweif­lung, die in ihm bro­deln muss – nichts!
Mila schnürt es die Kehle zu. »Ryan, sag etwas!«, stam­melt sie mit be­leg­ter Stimme und ver­sucht seine Hände zu er­grei­fen. Er steckt sie in die Hosentaschen.
»Die Urnen stehen da drin«, er­klärt er sach­lich, und nickt in Rich­tung des Lkws.
Ent­setzt blickt sie ihn an, als sie be­greift, dass er die Asche der Eltern den ge­sam­ten Flug über bei sich hatte. Erneut ver­sucht sie, ihn zu um­ar­men, doch er weicht zurück. Be­trof­fen lässt Mila die Arme sinken und öffnet die Bei­fah­rer­tür des Pfer­de­trans­por­ters. Im Fuß­raum steht ein klei­ner Trol­ley, den sich Ryan extra zu dem Zweck be­sorgt hat. Be­hut­sam hebt sie ihn heraus. Ihre Hände zit­tern und sie kämpft mit den auf­stei­gen­den Tränen.
»Klei­ner Bruder, wir werden es schaf­fen, auch wenn Mom und Dad nicht mehr bei uns sind.«
An­statt ihr bei­zu­pflich­ten und ihr damit die nötige Zu­ver­sicht zu ver­mit­teln, blickt er be­schämt zu Boden. Mila steht hilf­los neben ihm. Sie weiß nicht, wie sie mit dieser Si­tua­ti­on um­ge­hen soll. Ryan schließt sie aus. Mit der Gleich­gül­tig­keit, die er dabei zur Schau trägt, kommt sie nur schwer zu­recht, da sie nun be­fürch­tet, neben ihren Eltern auch ihn ver­lo­ren zu haben.
»Komm! Du bist be­stimmt müde, lass uns in die Woh­nung gehen«, sagt sie tapfer und geht den schma­len Weg in Rich­tung der Ho­tel­an­la­ge ent­lang. Hier­bei zieht sie den Trol­ley vor­sich­tig hinter sich her. Ryan wirft einen letz­ten Blick zurück zu den Stal­lun­gen, an­schlie­ßend folgt er seiner Schwester.
Er­leich­tert atmet Mila auf. Viel­leicht braucht er ein­fach nur ein wenig Schlaf und ist dann besser drauf. Sie laufen um den Pool herum zum Hin­ter­ein­gang des Hotels. Immer wieder be­trach­tet sie heim­lich ihren Bruder, sucht nach einer Regung in seiner Miene, doch es scheint, als hätte er eine Maske aufgezogen.
Als sie die Lobby be­tre­ten, spürt Mila die neu­gie­ri­gen Blicke der An­ge­stell­ten auf ihnen ruhen. Na­tür­lich wagt es nie­mand, sie an­zu­spre­chen. Auf di­rek­tem Weg schiebt sie Ryan weiter zum Fahr­stuhl, um in die el­ter­li­che Woh­nung im obers­ten Stock zu fahren. Auch im Lift spricht er kein Wort. Er zeigt auch sonst keine Regung. Einzig und allein seine Finger spie­len nervös mit einem Sil­ber­ring an seiner Hand.
»Ist das Dads Ring?«, fragt sie betont leise.
Ryan blickt sie an, als hätte sie in einer frem­den Spra­che mit ihm ge­spro­chen, des­halb wie­der­holt Mila die Frage.
»Ja, der Be­stat­ter hat ge­meint, sie dürfen keinen Schmuck ver­bren­nen. Willst du ihn haben? Mom hatte ihren nicht dabei.«
»Nein, be­hal­te ihn ruhig. Dad hätte be­stimmt ge­wollt, dass du ihn trägst.«
Sie greift nach seiner Hand, doch er zieht sie sofort zurück und stürmt aus dem Fahr­stuhl, da sie soeben den obers­ten Stock er­reicht haben. Mila folgt ihm ge­knickt. Sie öffnet die Woh­nungs­tür und bittet ihren Bruder vor­aus­zu­ge­hen. Ryan be­tritt die Woh­nung und kann plötz­lich nicht mehr atmen. Auch Mila be­schleicht abends oft ein be­klem­men­des Gefühl, wenn sie in die Räume zu­rück­kehrt, in denen sie jah­re­lang glück­lich mit ihrer Fa­mi­lie lebte. Der un­er­füll­ba­re Wunsch, dass Mom jeden Moment um die Ecke kommt und sie mit of­fe­nen Armen will­kom­men heißt, schnürt ihr die Brust zu. Ihrem Bruder ergeht es jedoch weit­aus schlim­mer. Ver­zwei­felt wankt er zurück, dann macht er auf dem Absatz kehrt und stürzt aus der Wohnung.
»Ich … ich kann da nicht rein«, stam­melt er und lässt sich an der Wand ent­lang nie­der­sin­ken. Mila geht neben ihm in die Hocke und will ihre Hand be­schwich­ti­gend auf seine Schul­ter legen, doch Ryan schlägt sie weg. Der Blick, den er ihr zu­wirft, ver­an­lasst sie, auf Ab­stand zu gehen.
»Soll ich ein Ho­tel­zim­mer für dich her­rich­ten lassen? Oder möch­test du es in ein paar Mi­nu­ten einen wei­te­ren Ver­such wagen?«, fragt sie und erhebt sich dabei.
Ryan bleibt, ohne zu ant­wor­ten, ein­fach auf dem Boden sitzen. Mit leerem Blick fi­xiert er die ge­gen­über­lie­gen­de Wand und ist nicht an­sprech­bar. Mila ist hin- und her­ge­ris­sen. Am liebs­ten würde sie ihren Bruder an sich reißen und ihn nie mehr los­las­sen. Aber er lässt ja nicht einmal den kleins­ten Kör­per­kon­takt zu.
»Ryan?«
Da er nicht auf ihre Frage re­agiert, geht Mila erneut vor ihm in die Hocke, um mit ihm auf Au­gen­hö­he zu sein. Sie stupst ihn leicht an.
Ruck­ar­tig dreht er den Kopf in ihre Rich­tung. »Was?«, knurrt er barsch.
»Soll ich dir ein Zimmer her­rich­ten lassen?«
Statt ihr zu ant­wor­ten, starrt er nach­denk­lich an ihr vorbei. Dann zieht er plötz­lich sein Handy aus der Ho­sen­ta­sche und be­trach­tet trau­rig das Foto eines rot­haa­ri­gen Mäd­chens, bevor er es löscht. An­schlie­ßend öffnet er die Kon­takt­lis­te und be­ginnt damit, einen nach dem an­de­ren zu entfernen.
»Ryan? Was machst du da?« Be­sorgt greift sie nach dem Mo­bil­te­le­fon und will es ihm ab­neh­men, doch er steckt es schnell in die Ho­sen­ta­sche zurück und springt auf. Mila tau­melt ein paar Schrit­te rück­wärts und setzt sich dabei fast auf den Ho­sen­bo­den. »Warum löschst du all die Nummern?«
»Ich … ich … ich will nicht an­dau­ernd an Deutsch­land er­in­nert werden!«
»Aber des­halb musst du doch nicht mit allen Freun­den bre­chen, die du dort ge­fun­den hast. Immer wenn wir mit­ein­an­der te­le­fo­niert haben, hast du von diesem Olaf er­zählt und wie gut ihr euch versteht.«
»Was soll das brin­gen? So eine Freund­schaft bleibt doch eh nicht be­stehen. Und über­haupt: Ich brau­che keine Freun­de!« Er klingt bei­na­he hys­te­risch, wes­halb Mila ent­schei­det, das Thema ruhen zu lassen.
»Willst du nun ein Zimmer oder ver­su­chen wir es noch einmal?«, fragt sie ihn stattdessen.
»Wird schon gehen«, meint Ryan leise und be­tritt erneut die Woh­nung, die ei­gent­lich sein Zu­hau­se ist, in dem er bis­lang sehr glück­lich war. Mila be­ob­ach­tet ihn mit Ar­gus­au­gen, aber dies­mal bleibt die Pa­nik­at­ta­cke zum Glück aus.
»Viel­leicht geht es dir besser, wenn du dich aus­ge­ruht hast? Oder möch­test du mit mir über den Unfall reden?«, er­kun­digt sie sich hoffnungsvoll.
Ryan be­ginnt, wie ein ein­ge­sperr­tes Tier hin- und her­zu­lau­fen. Mila ent­deckt, dass er wieder mit dem Fin­ger­ring spielt. Plötz­lich bleibt er stehen und er­klärt: »Du hast recht, ich sollte mich ein wenig hinlegen.«
Mila be­schleicht das Gefühl, dass er das nur sagt, um ihr zu ent­flie­hen. Obwohl sie gerne mehr über den Tod der Eltern er­fah­ren würde, geht sie darauf ein.
»Na gut. Ruh dich aus. Ich werde dafür sorgen, dass dich bis morgen nie­mand stört.«
»Danke«, mur­melt er, weil er spürt, dass sie es von ihm er­war­tet. Dann nimmt er den Koffer und wuch­tet ihn auf den klei­nen Tisch am Fens­ter. Er hat nicht vor, ihn aus­zu­pa­cken, son­dern fischt le­dig­lich ein fri­sches T‑Shirt heraus und begibt sich ins Bad.
Mila blickt ihrem Bruder trau­rig nach. Dass ihm der Ver­lust der Eltern na­he­geht, damit hat sie selbst­ver­ständ­lich ge­rech­net. Aber sie hat einen zu Tode be­trüb­ten jungen Mann er­war­tet, der drin­gend ihre Stütze braucht. Er hin­ge­gen schiebt sie von sich und schließt sie aus seinen Ge­füh­len aus. Mila be­fürch­tet, dass er sogar sich selbst aus seinem Herz ver­bannt hat. Wenn Ryan nicht trau­ert, wird er nie über ihren Tod hin­weg­kom­men. Sie wie­der­um hat fast zwei Tage hin­durch ge­weint und nun geht es ihr be­deu­tend besser. Na­tür­lich schmerzt es noch immer, daran zu denken. Allein das Gefühl der Aus­weg­lo­sig­keit ist schwä­cher geworden.


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Kapitel 3

»Ryan, beeil dich! Der Schul­bus ist gleich da!« Mila klopft hek­tisch an die Ba­de­zim­mer­tür. Die letz­ten Wochen sind wie im Flug ver­gan­gen. Seit ein paar Tagen quält er sich jeden Morgen aus dem Bett, um zur Schule zu gehen. Sein Wunsch, ein­fach tot um­zu­fal­len, er­füll­te sich leider nicht. Ryan hebt den Kopf und be­trach­tet sich im Spie­gel. Unter seinen Augen be­fin­den sich dunkle Ringe. Er sieht ab­ge­kämpft aus. Die Ta­blet­ten, die ihn bis­lang schla­fen ließen, sind auf­ge­braucht, wes­halb er an­dau­ernd über­näch­tigt ist. Nach wie vor kann er keine ein­zi­ge Träne über den Tod seiner Eltern ver­gie­ßen. Von der Be­er­di­gung hat er kaum etwas mit­be­kom­men, da er sich mit dem Inhalt einer Mi­ni­bar zu­ge­dröhnt hatte. Milas an­schlie­ßen­des Don­ner­wet­ter war vom Feins­ten gewesen.
»Ryan!« Aber­mals klopft sie an die Tür. »Willst du schon wieder zu spät kommen?«
High­school, pah, darauf ver­zich­tet er gerne. Doch leider er­war­tet seine Schwes­ter, wie auch der Staat Flo­ri­da, von ihm, dass er dort hin­geht. Er mochte die Schule noch nie. Da er weder be­son­ders klug noch über­durch­schnitt­lich sport­lich ist, geht er in der Masse der nor­ma­len Schü­ler unter. Dar­über hinaus pfleg­te er bis­lang keine Freund­schaf­ten, da durch den Reit­sport nur wenig Zeit für Freun­de übrig blieb. Die meis­ten Jungs sind oh­ne­hin der Mei­nung, Pferde seien etwas für Mädchen.
»RYAN
Mist, nun ist Mila sauer. Ryan öffnet die Tür und blickt in das vor­wurfs­vol­le Ge­sicht seiner Schwester.
»Mann, Mann, Mann, willst du von der Schule flie­gen, bevor sie rich­tig an­ge­fan­gen hat? Jetzt muss ich dich fahren, dabei habe ich genug andere Dinge zu tun.«
»Ist doch egal, ob ich zu spät komme. Ist über­haupt alles egal«, mur­melt er und drängt sich an ihr vorbei.
»Jetzt reiß dich end­lich zu­sam­men! Das bist du un­se­ren Eltern schul­dig. Mom und Dad woll­ten immer, dass du einmal aufs Col­le­ge gehst und das wirst du ge­fäl­ligst auch tun!«
Die Worte seiner Schwes­ter pral­len an ihm ab, wie Wasser an einem Lo­tus­blatt. Ryan schnappt sich seine Tasche und schlüpft in die Snea­kers, ohne sie zu­zu­bin­den. »Können wir?«, will er patzig wissen.
Mila nickt und schluckt ihre Ant­wort her­un­ter, da sie genau weiß, dass sie nicht an seine Ver­nunft ap­pel­lie­ren kann. Seit er aus Europa zurück ist, er­kennt sie ihn kaum wieder. Er ist in sich ge­kehrt und lässt nie­man­den an sich heran, re­agiert un­an­ge­mes­sen und gibt stän­dig Wi­der­wor­te. Erst hatte sie ihn in Ruhe ge­las­sen und ge­hofft, dass er nach ei­ni­ger Zeit von selbst auf sie zu­kom­men wird. Doch nichts der­glei­chen ge­schah. Seit ein paar Tagen ist es sogar noch schlim­mer ge­wor­den. Sobald sie auch nur das Wort an ihn rich­tet, ex­plo­diert er.
»Soll ich dich heute Nach­mit­tag ab­ho­len?«, er­kun­digt sie sich, als Ryan vor den Toren der High­school aus dem Che­vro­let Tahoe springt.
»Ich fahre mit dem Bus!« Mit Schwung knallt er die Au­to­tür zu. Mila zuckt un­wei­ger­lich zu­sam­men. Kopf­schüt­telnd blickt sie ihm nach. Na­tür­lich be­merkt sie, dass ihn Nacht für Nacht Alb­träu­me quälen und er immer wieder auf­schreckt. Ihr Bruder ist längst nicht über den Tod der Eltern hinweg. Seine Trauer hat noch nicht einmal be­gon­nen. Dass er in der Woh­nung von wei­te­ren Pa­nik­at­ta­cken ver­schont bleibt, wertet Mila als si­che­res Zei­chen, dass er sich auf dem Weg der Bes­se­rung befindet.
Ryan ver­schwin­det aus ihrem Blick­feld und sie fährt mit einem mul­mi­gen Gefühl nach Hause. Ein Gefühl, das sich später be­stä­ti­gen soll, denn gegen Mittag klin­gelt bei ihr das Te­le­fon. Das Se­kre­ta­ri­at der High­school ist am Ap­pa­rat und bittet sie, ihren Bruder um­ge­hend abzuholen.
Als sie an der Schule an­kommt, steht Ryan schon vor dem Tor und wartet. Er hat Blut auf dem T‑Shirt und seine Nase ist geschwollen.
Mila steigt aus dem Auto.
»Autsch! Wer hat dich denn in die Mangel ge­nom­men?«, er­kun­digt sie sich be­sorgt und will sich die Ver­let­zung ge­nau­er an­se­hen, doch er dreht den Kopf zur Seite.
»Lass gut sein, es ist nichts weiter!«, faucht er und klet­tert in den Tahoe.
Mila holt tief Luft und er­mahnt sich zur Ge­las­sen­heit. Sie um­run­det das Fahr­zeug und steigt eben­falls ein.
»Er­zählst du mir, was los war?«, fragt sie mit her­aus­for­dern­dem Blick.
»Nein!« Ryan ver­schränkt die Arme und starrt aus dem Seitenfenster.
»Auch gut, dann frag ich morgen die Di­rek­to­rin.« Mila star­tet den Wagen und fährt los.
»Er konnte ein­fach nicht die Klappe halten. Da hat er eben eine ge­knallt be­kom­men«, grum­melt Ryan.
»Wer?«
»Ir­gend­wer. Ist doch nicht wich­tig. Ich hab’s ge­klärt und gut ist.«
»Gar nichts ist gut, du kannst dich doch nicht prü­geln, nur weil dir jemand quer kommt.« Mila schüt­telt fas­sungs­los den Kopf. »Um was ging es denn?«
»Um nichts.«
Ryan dreht sich von Mila weg und blickt de­mons­tra­tiv wieder zum Fens­ter hinaus. Obwohl Mila ihrem Bruder lie­bend gerne die Le­vi­ten lesen würde, sorgt sie sich mehr um seine Nase als um seine Er­zie­hung. Des­halb fährt sie auch nicht auf di­rek­tem Weg nach Hause, son­dern lenkt den Wagen in Rich­tung Innenstadt.
Als Ryan an der drit­ten Kreu­zung auf­fällt, dass Mila kei­nes­wegs zurück zum Hotel will, rutscht er nervös auf dem Le­der­sitz hin und her.
»Wohin bringst du mich?«, fragt er beunruhigt.
»Zum Arzt. Der soll sich deine Nase an­se­hen, wenn du mich schon nicht ranlässt.«
Mila ris­kiert einen Sei­ten­blick auf ihren Bruder, und bevor er ihr eine pat­zi­ge Ant­wort geben kann, sagt sie: »Au­ßer­dem ver­schreibt er dir viel­leicht etwas, damit du besser schla­fen kannst.«
Sie rich­tet ihren Blick wieder auf die Straße und gibt ihm so zu ver­ste­hen, dass sie in diesem Fall keine Wi­der­re­de dulden wird. Ryan würde gerne auf den Arzt­be­such ver­zich­ten, da ihm der Schmerz in seiner Nase höchst will­kom­men ist. Zum ersten Mal seit Wochen spürt er über­haupt wieder etwas. Das Gefühl, das seinen Körper durch­ström­te, als die Faust in seinem Ge­sicht auf­traf, war ir­gend­wie be­frei­end ge­we­sen. So, als könne er sich da­durch selbst be­stra­fen. Al­ler­dings war das Gefühl nur von kurzer Dauer. Der Schmerz ließ schnell nach, wes­halb er erneut auf den Mit­schü­ler los­ging. Sein Sport­leh­rer jedoch stell­te sich da­zwi­schen. Warum es zum Streit kam, weiß Ryan gar nicht mehr. Es ist für ihn auch in keins­ter Weise wichtig.
»Wir sind da«, er­klärt Mila, als wüsste ihr Bruder nicht, dass im Ge­bäu­de vor ihm ihr Haus­arzt praktiziert.
»Ich war hier schon einmal. Er­in­nerst du dich?«, motzt er seine Schwes­ter an, doch sie igno­riert ihn und ver­lässt den Wagen.
In der Praxis ist kaum etwas los, was daran liegt, das Dr. Rey­nolds zu den ex­klu­si­ve­ren Ärzten in Fort Myers gehört. Nach­dem die Sprech­stun­den­hil­fe einen Blick auf Ryan ge­wor­fen hat, hält sie es für besser, ihn gleich in den Un­ter­su­chungs­raum zu führen. Ryan kann leider nicht ver­hin­dern, dass Mila ihn be­glei­tet. Die ganze Zeit über, in der sie schwei­gend auf den Doktor warten, mus­tert sie ihn in­ten­siv. Ein un­bän­di­ges Gefühl der Wut steigt plötz­lich in ihm hoch und er springt auf.
»Kannst du wo­an­ders hin­schau­en?«, fährt er seine Schwes­ter an und geht dro­hend auf sie zu.
Mila be­kommt es mit der Angst zu tun. Un­auf­fäl­lig ver­sucht sie einen Weg zu finden, um an ihrem Bruder vor­bei­zu­kom­men. Doch er steht zwi­schen ihr und der Tür, die sich zu ihrem Glück soeben öffnet.
»Miss De­a­ring. Ryan«, grüßt Dr. Rey­nolds die beiden freund­lich und ent­schärft so un­be­wusst die Situation.
Ryan ballt die Hände zu Fäus­ten. Er kämpft mit seiner Be­herr­schung, wäh­rend Mila den Arzt über den Tod ihrer Eltern un­ter­rich­tet und er­zählt, wie es ihnen seit­her geht.
»Warum seid ihr nicht gleich zu mir ge­kom­men?«, fragt Dr. Rey­nolds vor­wurfs­voll. »Ich ver­schrei­be dem Jungen etwas, damit er besser schla­fen kann. Wenn den­noch keine Bes­se­rung ein­tritt, soll­tet ihr zu einem guten Psy­cho­lo­gen gehen. Dr. Moy­a­ert zum Beispiel …«
»Ver­giss es!«, knurrt Ryan, als Mila ihn fra­gend ansieht.
»Du musst das kei­nes­falls jetzt ent­schei­den«, be­schwich­tigt ihn der Arzt. »Viel­leicht rei­chen dir die Ta­blet­ten. Und nun lass mich mal nach deinem hüb­schen Riech­kol­ben sehen.«
Vor­sich­tig tastet er Ryans Nase ab, stellt jedoch bis auf eine Schwel­lung nichts Schlim­mes fest.
»Die wird noch ein paar Tage schmer­zen, aber es ist alles in Ord­nung, nichts gebrochen.«
Ryan wirft seiner Schwes­ter einen Blick zu, der so viel heißen soll wie: Und du schleifst mich hierher.
Nach­dem sie das Schlaf­mit­tel in der Phar­ma­cy um die Ecke geholt haben, be­ge­ben sie sich auf den Heim­weg. Kurz bevor sie das Hotel er­rei­chen, ver­langt Ryan plötz­lich, dass Mila den Wagen anhält.
»Den Rest laufe ich«, er­klärt er und steigt aus.
Mila spielt kurz mit dem Ge­dan­ken, es ihm zu ver­bie­ten, ent­schei­det sich jedoch zu seinen Guns­ten und fährt al­lei­ne weiter. Viel­leicht braucht er auch nur ein wenig Zeit für sich. Seit er aus Europa zurück ist, hat sie ihn kaum aus den Augen gelassen.
Ryan atmet er­leich­tert auf. Er hat nicht vor, auf di­rek­tem Weg nach Hause zu gehen, und schlen­dert des­halb zum Strand. Dort an­ge­kom­men setzt er sich nah ans Wasser, sodass die Wellen seine Füße be­rüh­ren. Wie sehr mochte er dieses Fleck­chen Erde immer, doch jetzt kommt ihm alles be­fremd­lich vor. Er legt sich auf den Rücken und starrt in den Himmel. Das mo­no­to­ne Ge­räusch des regen Trei­bens um ihn herum lullt ihn ein und die Über­mü­dung der vor­an­ge­gan­ge­nen Tage for­dert nun ihren Tribut. Ryans Lider werden schwer und schon bald be­fin­det er sich im Reich der Träume. Al­ler­dings ist der Schlaf alles andere als er­hol­sam. Nach und nach drän­gen sich Bilder in sein Un­ter­be­wusst­sein. Die Hand seines Vaters, die klat­schend auf seiner Wange landet. Das ent­täusch­te Ge­sicht seiner Mutter, als Dad ihr er­klärt, warum sie mit Ryan den Platz tau­schen soll. Der Pfer­de­an­hän­ger, der ins Schlin­gern gerät und letz­ten Endes zur Seite fällt. Zwi­schen diese Mo­ment­auf­nah­men drängt sich hin und wieder das Ant­litz eines rot­haa­ri­gen Mäd­chens mit achat­grü­nen Augen. Mit einem lauten ›Nein‹ schreckt er abrupt hoch und blickt sich ori­en­tie­rungs­los um. Ver­wun­dert stellt er fest, dass der Strand fast leer und die Sonne längst un­ter­ge­gan­gen ist.
Ver­zwei­felt fährt er sich mit den Fin­gern durchs Haar. All das, was ihm sein Un­ter­be­wusst­sein soeben ver­mit­telt hat, muss er Nacht für Nacht durch­le­ben … und noch ei­ni­ges mehr. Ryan schüt­telt un­wil­lig den Kopf. Er will nicht an Deutsch­land denken. Nicht jetzt, nicht morgen, über­haupt nie mehr. Er möchte, dass end­lich Ruhe in seinem Kopf herrscht.
Der Lärm einer aus­ge­las­se­nen Party dringt an sein Ohr. In der Nähe ist eine Ho­tel­bar, die abends eine Strand­dis­co be­treibt. Neu­gie­rig nähert er sich dem Strand­ab­schnitt. Auf­grund seines Alters darf er das Ge­bäu­de zwar nicht be­tre­ten, doch der Strand ist öf­fent­lich zu­gäng­lich und es ver­ir­ren sich an­dau­ernd be­trun­ke­ne Gäste hier­hin. Schon nach kurzer Zeit kommt eine Gruppe junger Leute tor­kelnd auf ihn zu und schließt ihn la­chend in ihre Mitte. Auf einmal hat er einen Becher Al­ko­hol in der Hand und kippt den Inhalt, ohne zu zögern, hin­un­ter. Das Zeug brennt sich seine Kehle hinab und brei­tet sich warm in seinem Körper aus. Einer der Männer holt eine Fla­sche aus seinem Ruck­sack und schenkt eine wei­te­re Runde ein. Ryan leert den Becher aber­mals auf ex. Das Spiel wie­der­holt sich meh­re­re Male.
»Der Kleine ist aber durs­tig«, lallt eines der Mäd­chen und ver­sucht, ihm um den Hals zu fallen. Da fla­ckert un­ver­mit­telt eine Er­in­ne­rung vor Ryans in­ne­rem Auge auf. Hastig stößt er die junge Frau von sich und sucht das Weite.
»Hey, du musst doch nicht gleich ab­hau­en!«, grölt ihm die Gruppe hin­ter­her, al­ler­dings hat Ryan plötz­lich genug und will auf keinen Fall dort­blei­ben. Ohne sich um­zu­se­hen, läuft er heim­wärts. So ent­geht ihm auch, wie knapp er den beiden Po­li­zis­ten ent­kommt, die soeben zwi­schen den Ho­tel­ge­bäu­den den Strand­ab­schnitt betreten.
Ryan kehrt ohne Umwege nach Hause zurück. Auf die Be­geg­nung mit Mila freut er sich jetzt schon. Sie wird ihn nicht einen, son­dern gleich zwei Köpfe kürzer machen. Das ist ihm jedoch egal. Da er keinen Al­ko­hol ge­wöhnt ist und er zudem kaum etwas ge­ges­sen hat, ent­fal­tet das Teu­fels­zeug schnell seine volle Wir­kung. Ein Hoch­ge­fühl durch­strömt ihn und lässt ihn den Kummer ver­ges­sen. End­lich drif­ten seine Ge­dan­ken nicht mehr an den schick­sal­haf­ten Tag zurück. Dem­entspre­chend gut ge­launt kommt er am Hotel an. Er tor­kelt in die Woh­nung und damit direkt in Milas Arme.
»Ryan? Hast du etwa ge­trun­ken?«, er­kun­digt sie sich fas­sungs­los. »Du riechst, als wärst du in ein Schnaps­fass gefallen!«
»Viel­leicht bin ich das auch.« Ryan grinst sie un­be­küm­mert an. Dann schiebt er seine Schwes­ter zur Seite und lässt sich auf die Couch fallen.
Ent­geis­tert blickt ihm Mila dabei zu. Sie weiß nicht, ob sie schrei­en oder weinen soll. Wie konnte sie nur denken, dass sie schon mit einem Ju­gend­li­chen fertig wird. Ihr Bruder bringt sie noch an den Rand des Wahnsinns.
»Du bist erst fünf­zehn, hast du den Ver­stand ver­lo­ren? Wenn die Po­li­zei dich er­wischt hätte.«
»Fast sech­zehn!«, kor­ri­giert er seine Schwes­ter. »Aber du hast recht. Das nächs­te Mal lasse ich mich von ihnen schnap­pen, dann muss ich nicht zu Fuß laufen. Die brin­gen mich be­stimmt nach Hause.«
»Ryan!« Sie be­trach­tet ihn hilf­los. »Das ist kein Spaß, wenn du Pech hast, kannst du deinen Füh­rer­schein für die nächs­ten Jahre ver­ges­sen. Mal ab­ge­se­hen davon ist Al­ko­hol alles andere als gut für dich!«
»Chill mal! Mir geht es bestens!«
Noch wäh­rend er das sagt, be­ginnt Ryan zu würgen. Hastig springt er auf und rennt ins Bad. Mila folgt ihm an­ge­wi­dert, da sie es nicht übers Herz bringt, ihn sich selbst zu über­las­sen. Sie bleibt bei ihm, bis sich sein Magen be­ru­higt hat, und ver­frach­tet ihn an­schlie­ßend ins Bett. Als ihr Bruder fried­lich schlum­mernd auf seinen Kissen liegt, kommen erneut Zwei­fel in ihr auf, ob sie der Auf­ga­be über­haupt ge­wach­sen ist.