Leseprobe – Liebe war nie geplant

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Leseprobe – Liebe war nie geplant

Ich wün­sche dir viel Spaß mit der Le­se­pro­be – Liebe war nie ge­plant.


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Kapitel 1

Mit einem lauten Stöh­nen stell­te Lea den Ruck­sack vor der klei­nen Alm­hüt­te ab, dann atmete sie tief ein. Die klare Berg­luft ström­te in ihre Lungen und sie roch den ty­pi­schen Duft der Lat­schen­kie­fer, die hier über­all wuchs. Mit in die Hüften ge­stemm­ten Armen ließ sie den Blick über die Alm­hän­ge schwei­fen, um an­schlie­ßend ihre Auf­merk­sam­keit zurück auf das Stück Land zu lenken, wegen dem sie ge­kom­men war. An der Grund­stücks­gren­ze gur­gel­te munter der kleine Bach ent­lang, der wenige Meter ober­halb der Hütte ent­sprang. Meist führte er nur bis in den Spät­som­mer Wasser und ver­sieg­te dann, um mit der neuen Schnee­schmel­ze wieder zu ent­sprin­gen.
Lea schloss die Augen und genoss die Ruhe um sich herum. Einzig und allein das sanfte Säu­seln des Windes, der über den Berg­kamm strich, war zu hören.
Sosehr sie diesen Ort liebte – dass man ihn nur zu Fuß oder mit einem ge­län­de­gän­gi­gen Fahr­zeug er­rei­chen konnte, hatte ihre Be­su­che in letz­ter Zeit über­schau­bar werden lassen. Da ihr ei­ge­nes Auto zuvor ge­nann­tes Kri­te­ri­um nicht er­füll­te, musste es wie immer im Tal zu­rück­blei­ben.
Auch Oma Ro­sa­lind die Hütte seit ein paar Jahren nicht mehr nutzen. Das hatte ihre Ge­sund­heit nicht zu­ge­las­sen. Früher, in Leas Kind­heit, hatten sie fast jeden Sommer ge­mein­sam in den Kärnt­ner Alpen ver­bracht. Die ersten sechs Jahre hatte sie sogar bei ihrer Groß­mut­ter in dem klei­nen Haus im Tal gelebt. War barfuß über die saf­ti­gen Wiesen ge­lau­fen und hatte Blu­men­krän­ze ge­bas­telt, mit denen sie sich ge­schmückt hatte. Wäh­rend­des­sen hatte sich ihre Mutter in der Haupt­stadt eine Kar­rie­re auf­ge­baut.
Dann, eines Tages, kurz vor ihrer Ein­schu­lung, hatte sie den idyl­li­schen Ort ver­las­sen und sich der An­ony­mi­tät Wiens stel­len müssen. Obwohl Lea dort rasch Freun­de ge­fun­den hatte, hatte sie Jahr für Jahr die Som­mer­fe­ri­en her­bei­ge­sehnt, in denen sie zu Oma Ro­sa­lin­de und den an­de­ren be­kann­ten Ge­sich­tern zu­rück­keh­ren konnte.
Ir­gend­wann waren die Be­su­che jedoch sel­te­ner ge­wor­den. Lea hatte zu stu­die­ren be­gon­nen, war nach Salz­burg ge­zo­gen und ihre In­ter­es­sen hatten sich ge­än­dert, sodass seit dem letz­ten Auf­ent­halt auf der Alm mitt­ler­wei­le einige Jahre ver­gan­gen waren.
Den­noch hatte sich nichts ver­än­dert. Noch immer stand hinter der Hütte die alte knor­ri­ge Fichte, die bei Wind ächzte und stöhn­te, als würde sie sich jede Se­kun­de zur Seite legen. Den halben Vor­mit­tag spen­de­te sie Schat­ten. So herrsch­ten selbst im Hoch­som­mer an­ge­neh­me Tem­pe­ra­tu­ren in den Räumen.
Dieses wun­der­schö­ne Fleck­chen Erde ge­hör­te nun seit kurzem ihr ganz allein. Ihr erstes ei­ge­nes Zu­hau­se, wenn auch nur für die warme Jah­res­zeit, denn für den Winter war die Hütte un­ge­eig­net. Lea hatte nicht schlecht ge­staunt, als Oma Ro­sa­lin­de sie auf ihrer dies­jäh­ri­gen Ge­burts­tags­fei­er bei­sei­te ge­nom­men und ihr er­öff­net hatte, dass sie die Ab­sicht hegte, ihr die Alm­hüt­te samt Grund­stück zu über­schrei­ben. Ihre Groß­mut­ter hatte jeg­li­chen Ein­wand ih­rer­seits igno­riert und somit war Lea jetzt Be­sit­ze­rin einer schnu­cke­li­gen Block­hüt­te.
Spon­tan hatte sie be­schlos­sen, sich den Sommer über auf der Alm ein­zu­quar­tie­ren. Hier, in der Ein­sam­keit der Berge, könnte sie sich in aller Ruhe um die Texte ihrer Au­to­rin­nen küm­mern. Nichts und nie­mand würde sie von ihrer Arbeit ab­len­ken, schon gar nicht Nelly Fey. So gerne sie die Ge­schich­ten dieser Frau lek­to­rier­te, so nervig war auch die Zu­sam­men­ar­beit mit ihr. Nun hatte sie die Aus­re­de, dass sie nur über ein­ge­schränk­ten Emp­fang ver­fü­gen würde. Dass dem nicht so war, musste sie ihrer Auf­trag­ge­be­rin ja nicht auf die Nase binden.
»Ge­fällt es dir hier, Rokko?«, fragte sie ihren tie­ri­schen Be­glei­ter, der jap­send um sie her­um­sprang. Ent­ge­gen ihren Be­den­ken, ob der zwei­jäh­ri­ge Mops den neun­zig­mi­nü­ti­gen Fuß­marsch vom Gast­hof des Ört­chens bis auf die Alm mit­ma­chen würde, war er die ge­sam­te Weg­stre­cke fröh­lich vor­aus­ge­hüpft.
»Na, dann lass uns mal hin­ein­ge­hen.«
Lea drück­te die höl­zer­ne Gar­ten­tür auf, die leicht schief in den Angeln saß. Der ganze Zaun befand sich in einem er­bärm­li­chen Zu­stand. Wenn sie nicht un­ge­be­te­nen Besuch von den Kühen be­kom­men wollte, die hier die nächs­ten Monate weiden würden, müsste er schleu­nigst in­stand ge­setzt werden. Und vieles andere eben­falls, wie sie seuf­zend fest­stell­te. Be­son­ders der Kräu­ter­gar­ten war als sol­cher nicht mehr zu er­ken­nen. Da sie vor­hat­te, bis zum Herbst auf der Alm zu blei­ben, würde sich für Re­pa­ra­tu­ren si­cher­lich ge­nü­gend Zeit finden.
»Ob wir uns da einen Ge­fal­len getan haben, Rokko?« Skep­tisch ging Lea den über­wu­cher­ten Stein­weg zur Hütte ent­lang. Der Mops blick­te mit hän­gen­der Zunge an ihr empor und legte den Kopf schief, als hätte auch er seine Zwei­fel. Doch dann hopste er die zwei Stufen auf die Ter­ras­se und bellte sein Frau­chen auf­for­dernd an. Sie steck­te den al­ter­tüm­li­chen Schlüs­sel ins Schloss und begann, wenig da­men­haft zu flu­chen. Erst durch mehr­ma­li­ges Ru­ckeln gelang es ihr, ihn her­um­zu­dre­hen, bevor die schwe­re Holz­tür nach­gab und sich mit einem lauten Knar­ren öffnen ließ.
»Schloss ölen und Schar­nie­re schmie­ren« setzte sie auf ihre geis­ti­ge To-do-Liste. Rokko lief an ihr vorbei, blieb jedoch auf der Tür­schwel­le wie an­ge­wur­zelt stehen. Ein Dachs baute sich vor ihm auf und starr­te ihm aus trüben Glas­au­gen ent­ge­gen. Wütend knurr­te der Mops den schwarz-weiß ge­streif­ten Kerl an.
»Ruhig Blut, Rokko. Der tut dir nichts mehr!« Lea ging zu dem aus­ge­stopf­ten Wild­tier und bug­sier­te es mit einem Tritt in den Garten. Ihre Groß­mut­ter hatte sich aus ir­gend­wel­chen, ihr un­ver­ständ­li­chen Grün­den nicht von dem häss­li­chen Mons­ter tren­nen können. Als Kind hatte sie sich vor dem Dachs ge­fürch­tet und sich par­tout nicht an ihm vor­bei­ge­traut. Erst als Oma Ro­sa­lin­de ihm ein buntes Kopf­tuch um­ge­bun­den und ihm ihre Zweit­le­se­bril­le auf die Nase ge­setzt hatte, hatte sie seine An­we­sen­heit er­tra­gen.
»Der Dachs muss weg« war der nächs­te Punkt auf ihrer Liste. Nein, nicht der nächs­te, der erste. Sie ver­schob ihn in Ge­dan­ken nach oben. Dann öff­ne­te sie die Holz­lä­den vor den Fens­tern im un­te­ren Stock, um Licht in den Raum zu lassen, der bei­na­he die ge­sam­te Grund­flä­che der Hütte ein­nahm.
In­ter­es­siert blick­te sich Lea um. Die Wohn­kü­che war genau so, wie sie ihr in Er­in­ne­rung ge­blie­ben war. Im hin­te­ren Be­reich befand sich die Koch­ni­sche, be­stehend aus einem Herd, der mit Holz be­feu­ert werden musste, einer klei­nen An­rich­te und einem ur­alten Kühl­schrank, der an allen Ecken und Enden ros­te­te.
An den Holz­wän­den der Wohn­stu­be hingen et­li­che Ge­wei­he und aus­ge­stopf­te Tier­köp­fe, die sie auf keinen Fall weiter be­her­ber­gen wollte. Fast alle Möbel waren mit weißen Lein­tü­chern ab­ge­deckt, um sie vor Ver­schmut­zung und Licht zu schüt­zen. Lea mochte diese Macke ihrer Oma. Nun musste sie nur die Bett­la­ken vor­sich­tig über­ein­an­der­schla­gen und in den Garten tragen. Dort konnte sie den Staub der letz­ten Jahre ein­fach in den leich­ten Früh­som­mer­wind schüt­teln.
Rokko un­ter­such­te in­des­sen jeden Winkel des Raumes. Völlig ver­staubt und über und über mit Spinn­we­ben be­deckt tauch­te er unter der Couch hervor. Er zog die Lefzen zurück und nieste so heftig, dass es ihn bei­na­he vorne über­kipp­te.
»Was musst du auch da unten rum­stö­bern, du Dumm­mer­le?« La­chend zupfte sie ihm den Schmutz von der Nase. »Los, raus mit dir!«, schimpf­te sie und zeigte mit dem Finger zur Tür.
Be­hä­big troll­te sich der Mops in den Garten, Lea folgte ihm. Er schlich mit einem skep­ti­schen Blick an dem Dachs vorbei und suchte sich ein ru­hi­ges Plätz­chen im Schat­ten der Fichte. Mit einem thea­tra­li­schen Seuf­zen legte er sich auf die Seite und schloss die Augen.
Un­ge­rührt von dieser film­rei­fen Vor­stel­lung kehrte Lea in die Hütte zurück und er­weck­te die Mö­bel­stü­cke aus dem Win­ter­schlaf. An­schlie­ßend holte sie aus der Kom­mo­de ihrer Groß­mut­ter ein Kopf­tuch hervor und band es sich um. Ziel­stre­big nahm sie eine Jagd­tro­phäe nach der an­de­ren von der Wand und trug sie hinaus. Nur das Geweih hinter der Tür durfte blei­ben, da es sich gut als Klei­der­ha­ken eig­ne­te.
Da Lea be­fürch­te­te, dass sich Rokko über die Köpfe her­ma­chen könnte, la­ger­te sie alles auf einen Haufen au­ßer­halb der Um­zäu­nung. Dann schnapp­te sie sich den Besen hinter der Tür und ver­bann­te den rest­li­chen Schmutz aus der Hütte. Zu guter Letzt füllte sie am Bach einen Eimer mit Wasser und wisch­te den Boden, bis auch das kleins­te Staub­körn­chen eli­mi­niert war. Zu­frie­den blick­te sie sich um und begab sich in den oberen Stock, in dem sich zwei Schlaf­zim­mer be­fan­den. Dort öff­ne­te sie eben­falls zuerst die Fens­ter und Fens­ter­lä­den, warf einen Kon­troll­blick in den Garten auf ihren schla­fen­den Mops, bevor sie die Räume in glei­cher Weise gründ­lich rei­nig­te. Sie wuch­te­te die schwe­re Über­de­cke auf das win­zi­ge Fens­ter­brett und bezog das Bett, in dem sie als Kind hatte schla­fen dürfen. Obwohl ihre Lieb­lings­bett­wä­sche schon min­des­tens drei Jahre fein­säu­ber­lich zu­sam­men­ge­legt im Klei­der­schrank darauf war­te­te, be­nutzt zu werden, roch sie er­staun­lich frisch. Oder war ihre Groß­mut­ter ent­ge­gen ihrer Be­haup­tung im letz­ten Herbst hier oben ge­we­sen? Lea lä­chel­te, als sie an die rüs­ti­ge alte Dame dachte.
Oma Ro­sa­lin­de zählte mitt­ler­wei­le neun­und­acht­zig Lenze und hatte bis vor ei­ni­gen Mo­na­ten noch al­lei­ne in ihrem Haus in dem Zwei­hun­dert­see­len­dorf im Tal ge­wohnt. In dem Ört­chen kannte man sich un­ter­ein­an­der und alle hatten der alten Dame hilf­reich unter die Arme ge­grif­fen. Erst als sie sich bei einem Sturz das Becken ge­bro­chen hatte, hatte Leas Mutter sie dazu über­re­den können, in ein be­treu­tes Wohn­heim zu ziehen. Sie hatte es Oma Ro­sa­lin­de als vor­über­ge­hen­de Lösung ver­kauft, bis sie wieder fit sei.
Nun aber gefiel es der alten Dame dort so gut, dass sie keinen Ge­dan­ken mehr an eine Rück­kehr in die ei­ge­nen vier Wände ver­schwen­de­te. Lea wollte sie in den nächs­ten Tagen be­su­chen, um ihr die per­sön­li­chen Dinge vor­bei­zu­brin­gen, die sie auf ihre Bitte hin aus dem Haus im Tal holen sollte.
Sie klopf­te gerade das Kissen auf, als Rokko mit lautem Gebell einen Gast an­kün­dig­te. Robert, der Nach­bars­sohn, kam mit seinem alten Ge­län­de­wa­gen den kaum sicht­ba­ren Feld­weg zu ihrer Hütte ent­lang­ge­fah­ren.
Ges­tern bei ihrer An­kunft waren sie sich zu­fäl­lig in dem Gast­hof, in dem sie die Nacht ver­bracht hatte, über den Weg ge­lau­fen. Spon­tan hatte er an­ge­bo­ten, ihr rest­li­ches Gepäck zu brin­gen. Ro­berts Vater besaß den einzig ver­blie­be­nen Bau­ern­hof des Ortes. In ihrer Kind­heit hatten fast in jedem Stall Kühe ge­stan­den. Jetzt herrsch­te in ihnen ent­we­der gäh­nen­de Leere oder sie waren zu Wohn­raum um­ge­baut oder gar ab­ge­ris­sen worden, um Platz für neue Häuser zu schaf­fen. Ro­berts Vater be­wirt­schaf­te­te seinen Hof nur noch als Hobby und lebte schon lange nicht mehr von den Er­trä­gen. Er und sein Sohn waren, wie viele andere in dieser Gegend, Win­ter­sai­son­ar­bei­ter. Von No­vem­ber bis April jobb­ten sie für die Lift­ge­sell­schaft des Ski­ge­bie­tes auf dem an­gren­zen­den Berg. Sie sorg­ten für den rei­bungs­lo­sen Lift­be­trieb oder prä­pa­rier­ten die Pisten. Unweit der Hütte führte eine der Ab­fahr­ten vorbei, die von Juni bis Sep­tem­ber von ei­ni­gen Kühen und einer Hand­voll Ziegen be­grast wurde.
Fröh­lich win­kend be­grüß­te sie den Mann, den sie von Kin­des­bei­nen an kannte. Er war ein wenig älter als sie, doch sie hatten oft mit­ein­an­der ge­spielt. Robert freute sich sicht­lich, sie wie­der­zu­se­hen. Na­tür­lich wusste er wie alle an­de­ren im Ort, dass Oma Ro­sa­lin­de ihr die Alm­hüt­te ver­macht hatte. Die meis­ten Dorf­be­woh­ner hatten sich ge­freut, als sie er­fah­ren hatten, dass Lea den Sommer hier ver­brin­gen würde. Obwohl sie vor Jahren den Ort ver­las­sen hatte, ge­hör­te sie den­noch zur Dorf­ge­mein­schaft dazu.
»Die Heidi kehrt zurück«, hatte Wirtin Regina ges­tern scherz­haft ge­meint und sie in die Arme ge­zo­gen. Danach war Lea von ihr ge­nö­tigt worden, sich den Bauch voll­zu­schla­gen, als hätte sie seit Mo­na­ten nichts mehr ge­ges­sen.
»Uii, du warst ja schon rich­tig flei­ßig!« Robert sprang gut ge­launt aus seinem Wagen. Er­staunt be­trach­te­te er den Haufen aus Tier­köp­fen und Ge­wei­hen, auf dem oben­auf der Dachs thron­te. »Was hast du mit denen vor?«
»Kannst sie haben, wenn du willst. Mich gru­seln die nur.« Lea schüt­tel­te es ein wenig.
Er lachte. »Nein, danke! Aber ich nehme sie mit runter ins Tal und ent­sor­ge den Krem­pel für dich.«
»Das wäre super!« Er­leich­tert atmete Lea auf. Sie hatte über­legt, alles im Wald zu ver­gra­ben.
Robert um­run­de­te sein Fahr­zeug, öff­ne­te die Heck­klap­pe und zog zwei schwe­re Koffer von der La­de­flä­che des Pick-ups. »Steht dir üb­ri­gens«, sagte er und tippte sich an den Kopf.
Ver­le­gen zog Lea das Tuch her­un­ter, an das sie gar nicht mehr ge­dacht hatte, und stieß das Gar­ten­tor auf. Rokko schoss hinaus und bellte den Be­su­cher an. Ei­gent­lich quiek­te er eher, wie sich bei Möpsen eben ein Bellen an­hör­te. Lea ta­del­te den Rüden, der au­gen­blick­lich ruhig wurde, seine Na­cken­haa­re jedoch auf­ge­stellt ließ.
»Nein, ehr­lich. Siehst aus wie die Resi von der Alm.« Robert schubs­te den Hund mit dem Fuß zur Seite, was Rokko zum Anlass nahm, nach ihm zu schnap­pen. Mit dem in sein Ho­sen­bein ver­bis­se­nen Hund im Schlepp­tau trug er ihr Gepäck in die Hütte.
»Blöd­mann!«, feixte Lea, wu­schel­te sich durch ihre langen brau­nen Haare und folgte ihm. »Wer bist du dann? Der Anton aus Tirol?«
Statt einer Ant­wort träl­ler­te er: »Resi, i hol’ di mit mei’m Trak­tor ob …«, und stell­te grin­send die Koffer mitten in die Wohn­kü­che. »Willst du für immer ein­zie­hen?« Skep­tisch be­trach­te­te er Leas großen Ruck­sack, den sie selbst hoch­ge­schleppt hatte.
»Erst mal nur bis zum Herbst.«
Robert run­zel­te die Stirn. »Hast du im Lotto ge­won­nen, dass du es dir leis­ten kannst, bei­na­he ein halbes Jahr auf der Alm zu ver­brin­gen? Ver­misst dich auf der Arbeit nie­mand?«
»Ich kann meinen Job über­all er­le­di­gen. Was das be­trifft, brau­che ich nur einen Laptop und In­ter­net … sofern ich hier Emp­fang habe.« Lea bückte sich und brach­te Rokko end­lich dazu, ihren Ju­gend­freund in Ruhe zu lassen.
»Die An­bin­dung ans Netz ist auf der Alm fast besser als unten im Dorf«, zer­streu­te er ihre Be­den­ken. »Die Hotels auf der an­de­ren Seite des Berges haben dafür ge­sorgt, dass ein zu­sätz­li­cher Sen­de­mast auf­ge­stellt wurde. In der heu­ti­gen Zeit geht ohne World Wide Web gar nichts mehr. Frag doch im Brunn­hof nach, der Peter lässt dich be­stimmt gegen eine kleine Gebühr seinen Zugang nutzen.«
»Darum werde ich mich später küm­mern, erst mal muss ich an­kom­men und alles auf Vor­der­mann brin­gen. Könn­test du den da bitte hin­auf­tra­gen?« Lea zeigte auf den grö­ße­ren der beiden Koffer.
»Na­tür­lich.« Robert nickte und schlepp­te das schwe­re Ding die schma­le Treppe hinauf. »Wohin?«, rief er über seine Schul­ter nach unten.
»Ein­fach aufs Bett!«, ant­wor­te­te sie und er ver­schwand aus ihrem Blick­feld.
Sie war­te­te nicht, bis er wieder her­un­ter­kam, son­dern kramte so­gleich im an­de­ren Koffer, in dem sich haupt­säch­lich Schuhe be­fan­den. Er­leich­tert zog Lea ein paar Flip-Flops hervor und be­frei­te ihre Füße von den klo­bi­gen Wan­der­stie­feln. Später würde sie ihre mit Blasen ge­plag­ten Zehen in den Bach ste­cken, denn so einen Luxus wie flie­ßen­des Wasser gab es hier oben nicht, ge­nau­so wenig wie Strom. Den musste sie mit­hil­fe des alten Strom­erzeu­gers im Ver­schlag hinter der Hütte selbst pro­du­zie­ren. Ob der nach der langen Zeit über­haupt an­sprang?
»Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«, riss Robert sie aus ihren Ge­dan­ken. Lea hatte gar nicht be­merkt, dass er zu­rück­ge­kehrt war.
»Wenn du schon fragst. Wür­dest du mit mir nach dem Ge­ne­ra­tor sehen? Ich kenne mich mit dem Ding nicht aus.« Fle­hend blick­te sie ihn an.
Ihr Ju­gend­freund schien sich in der Rolle des ret­ten­den Hel­fers wohl­zu­füh­len, denn er nickte mit einem zu­frie­de­nen Grin­sen. »Ich schaue mir das gerne an.«
Ge­mein­sam gingen sie um die Hütte herum. Robert musste erst ein paar Efeuran­ken ent­fer­nen, bevor er die Klappe des Ver­schlags öffnen konnte.
»Hei­li­ger Bimbam, der hat seine besten Jahre aber schon lange hinter sich.«
»Meinst du, der läuft noch?«
»Das werden wir gleich wissen. Ich habe einen Ka­nis­ter Diesel auf dem Pick-up, den kann ich dir ab­ge­ben«, er­klär­te Robert und ver­schwand, um den Treib­stoff zu holen. Er füllte ein paar Liter in den Tank und drück­te auf den Start­knopf, doch das Mons­ter gab keinen Ton von sich.
»Hm … mir scheint … obwohl … warte …«, mur­mel­te er und han­tier­te an dem in die Jahre ge­kom­me­nen Strom­erzeu­ger herum. Als er noch­mals auf den Knopf drück­te, war ein Gur­geln zu hören. »Tut mir leid, die Bat­te­rie hat wohl zu wenig Saft, du wirst heute ohne Strom aus­kom­men müssen. Ich bringe dir morgen eine neue vorbei.«
»Danke, das ist lieb von dir. Hof­fent­lich liegen ir­gend­wo noch Streich­höl­zer herum. Die habe ich blö­der­wei­se ver­ges­sen.«
»Und wie willst du dann kochen?« Robert schüt­tel­te la­chend den Kopf.
»An­schei­nend war ich zu lange fort«, meinte Lea nicht minder be­lus­tigt.
»Ich habe ein Feu­er­zeug im Auto, das kann ich dir geben.« Er ließ den Deckel des Ver­schlags zu­fal­len. »Morgen be­kom­me ich das Ding zum Laufen. Du soll­test aber über eine Al­ter­na­ti­ve nach­den­ken, falls du wirk­lich hier­blei­ben willst. Er sieht nicht mehr ver­trau­ens­er­we­ckend aus.«
Robert ging zum Wagen und kramte im Mit­tel­fach. Er reich­te ihr ein rotes Gas­feu­er­zeug und stieg ein. »Deinen Fried­hof der Ku­schel­tie­re hole ich später. Ich muss erst zu meiner Hütte hinauf.« Mit einem Kopf­ni­cken deu­te­te er in Rich­tung Gipfel. »Wenn du mir auf­schreibst, was du sonst noch brauchst, kann ich dir das Nö­tigs­te mit­brin­gen. Nicht dass du hier oben ver­hun­gerst.« Er zwin­ker­te ihr ver­schmitzt zu, was jedoch nicht an­züg­lich zu deuten war.
Lea war er­leich­tert, dass sich ihr Ju­gend­freund an ihr Ab­kom­men hielt und ihr keine wei­te­ren Avan­cen machte. Sie hatten es als Teen­ager kurz mit­ein­an­der pro­biert, doch das war gründ­lich schief­ge­gan­gen. Des­halb war Lea ihm ge­gen­über zu mehr als nur Freund­schaft nicht bereit. Robert war für sie wie ein großer Bruder, ein guter Freund, ein Kumpel, mit dem sie Pferde steh­len konnte. Das sollte nach Mög­lich­keit auch so blei­ben.
»Danke, das ist nett ge­meint, aber ich habe genug dabei, um die nächs­ten zwei Tage über die Runden zu kommen. Au­ßer­dem – sehe ich aus, als würde ich vom Fleisch fallen?« Sie stemm­te ihre Hände in die Hüften und drehte sich vor ihm.
Robert grins­te noch brei­ter. »Also, als Bäu’rin taugst du nicht, da hätte ich Angst, dass du bei der Arbeit zu­sam­men­klappst.«
»Ich habe kei­nes­falls vor, meine Füße in Gum­mi­stie­fel zu ste­cken und durch Mist zu waten.«
»Das würde be­stimmt schick aus­se­hen! Bist du dir sicher, dass ich dir nichts mit­brin­gen soll?«
»Über­mor­gen muss ich oh­ne­hin zu Oma Rosa, da werde ich ein­kau­fen gehen.«
»Und wie willst du das Zeug zur Hütte be­kom­men?« Er schüt­tel­te miss­bil­li­gend den Kopf.
»Ruck­sack?«
»Das ist doch Blöd­sinn. Kauf ein und komm zu mir. Ich schaff dich mit Sack und Pack hinauf. Wegen der Kühe bin ich so­wie­so jeden Tag hier oben.«
Robert ak­zep­tier­te kein »Nein« und so gab sich Lea ge­schla­gen und wil­lig­te ein. Sie winkte ihm noch zum Ab­schied, danach ging sie zurück in die Hütte. Rokko hatte mitt­ler­wei­le be­schlos­sen, dass die Couch ihm ge­hör­te. Mit allen Vieren von sich ge­streckt lag er mitten auf der Ku­schel­de­cke und ließ den Kopf über die Kante hängen.
Lea seufz­te. »Dann lass uns mal aus­pa­cken.«
Der Rüde öff­ne­te kurz ein Auge, ent­schied al­ler­dings, dass sie unter keinen Um­stän­den mit ihm ge­spro­chen haben konnte, und schlief mit einem lauten Schnau­fer weiter.


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Kapitel 2

»Herr Bylund, der Chef möchte Sie spre­chen!«
Mollys auf­rei­ben­de Stimme drang in Mi­ka­els Ohr und er wusste so­gleich, dass der heu­ti­ge Tag nichts Gutes brin­gen würde. Nach­dem er tief Luft geholt hatte, hob er den Blick. Die Chef­se­kre­tä­rin hatte die Tür zu seinem Büro gerade so weit ge­öff­net, dass sie pro­blem­los ihren Kopf mit dem kurz ge­schnit­te­nen Bob her­eins­tre­cken konnte. Er­war­tungs­voll schau­te sie ihn an. Ihre schwarz ge­schmink­ten Augen und die nach unten hän­gen­den Mund­win­kel ver­lie­hen ihr ein wenig das Aus­se­hen von Grumpy Cat. Einzig die knall­ro­ten Lippen pass­ten kein biss­chen ins Bild.
»Komme gleich«, ant­wor­te­te er knapp, doch sie schüt­tel­te ihre kurzen blon­den Haare. »Herr Schmitz hat aus­drück­lich betont, dass er Sie sofort sehen möchte.«
Mikael un­ter­drück­te ein Seuf­zen, legte seinen Stift aus der Hand und folgte Molly.
Seit etwa einem halben Jahr ar­bei­te­te er für Leo­nard Schmitz, einen Bau­ma­gna­ten, der vor­zugs­wei­se Lu­xus­ho­tels aus dem Boden stampf­te. An­fangs dachte er, mit dem Auf­trag das große Los ge­zo­gen zu haben. Zumal er schon lange den Wunsch gehegt hatte, mehr als nur Ein­fa­mi­li­en­häu­ser zu ent­wer­fen. Dass er das neue Hotel, das mitten in einem Ski­ge­biet ent­ste­hen sollte, planen durfte, war ihm wie ein Traum er­schie­nen. Ein Traum, der sich rasch als Alb­traum ent­puppt hatte, denn Mikael hatte einen fa­ta­len Fehler be­gan­gen: Er hatte sich mit der Toch­ter des Chefs ein­ge­las­sen. Obwohl ihm zu dem Zeit­punkt nicht be­wusst war, wen er sich da ins Bett geholt hatte, hatte Schmitz ihm so­gleich die Arsch­kar­te ge­zeigt. Seiner Mei­nung nach hätte sich Mikael als ein­fa­cher Ar­chi­tekt nie­mals seiner Toch­ter nähern dürfen. Seit­dem schi­ka­nier­te er ihn, wann immer es ihm mög­lich war. Be­han­del­te ihn wie den letz­ten Dreck und halste ihm Ar­bei­ten auf, die jeder Azubi er­le­di­gen könnte. Damit Mikael seinen ei­gent­li­chen Auf­ga­ben nach­kom­men konnte, war er ge­zwun­gen, Über­stun­den zu machen, für die es na­tür­lich kein zu­sätz­li­ches Geld gab.
Zudem war sein Chef auch in an­de­ren Be­rei­chen skru­pel­los. Ihn in­ter­es­sier­ten weder die Natur noch die orts­an­säs­si­gen Firmen. Auf seinen Bau­stel­len ar­bei­te­ten haupt­säch­lich Bil­lig­lohn­ar­bei­ter aus dem Osten. Au­ßer­dem sparte er an der Qua­li­tät der Bau­ma­te­ria­li­en. Der Bau hatte so billig wie mög­lich zu er­fol­gen. Der Frage, ob das Ge­bäu­de nach ein paar Jahren zu­sam­men­stürz­te, schenk­te er kei­ner­lei Be­ach­tung.
Im Grunde ge­nom­men wi­der­sprach diese Ein­stel­lung Mi­ka­els Phi­lo­so­phie, doch er musste sich zu­sam­men­rei­ßen und seinen Mund halten. Ers­tens würde jeg­li­cher Ein­wand sei­ner­seits so­wie­so ab­ge­schmet­tert werden und zwei­tens hatte er schon viel zu viel En­er­gie und Zeit in das Pro­jekt in­ves­tiert. Seine Exis­tenz hing davon ab, dass dieses Hotel gebaut wurde. Schmitz hatte ihn mit einem Kne­bel­ver­trag fest­ge­setzt, der be­sag­te, dass Mikael den Lö­wen­an­teil der Ent­loh­nung in Form einer Pro­vi­si­on erst nach Bau­be­ginn be­kom­men würde. So blieb ihm nichts an­de­res übrig, als sich sämt­li­che Schi­ka­nen ge­fal­len zu lassen. Des­halb biss er auch jetzt die Zähne zu­sam­men, klopf­te kurz an die Tür und betrat das helle, modern ein­ge­rich­te­te Büro. »Molly sagte, Sie wollen mich spre­chen?«
Leo­nard Schmitz saß hinter einem feu­da­len Ma­ha­go­ni-Schreib­tisch auf dem Chef­ses­sel und igno­rier­te ihn. Wie immer hatte er das Sakko des maus­grau­en Anzugs über die Rü­cken­leh­ne ge­hängt. Ohne auf­zu­bli­cken, blät­ter­te er in­ter­es­siert in einer Zeit­schrift.
Mikael räus­per­te sich und ver­schränk­te die Arme vor der Brust. Er hatte die Spiel­chen so satt, trotz­dem gelang es ihm, Ruhe zu be­wah­ren.
End­lich fal­te­te Schmitz das Ma­ga­zin zu­sam­men und rich­te­te seine Kra­wat­te. Noch nie hatte Mikael etwas Häss­li­che­res ge­se­hen als be­sag­ten Schlips. Die Farben pass­ten über­haupt nicht zu­ein­an­der. Das kräf­ti­ge Rot strahl­te mit dem Gelb um die Wette. Au­ßer­dem prang­te ein rie­si­ger Kaf­fee­fleck auf der brei­tes­ten Stelle. Diese Ge­schmacks­ver­ir­rung eines Möch­te­gern­mo­de­de­si­gners war an­schei­nend Schmitz’ Lieb­lings­stück. Mikael ver­mu­te­te, dass er meh­re­re davon besaß, denn er konnte sich nicht daran er­in­nern, dass jemals eine andere an diesem dicken Hals hing.
»Ah, Herr Bylund«, sagte Schmitz, als würde ihn sein Auf­tau­chen ver­wun­dern. Dann drück­te er auf den Knopf seiner Ge­gen­sprech­an­la­ge. »Wo zum Ku­ckuck bleibt mein Kaffee, Molly? Und be­sor­gen Sie mir ein Stück Kuchen!«
Sich miss­bil­li­gend den Kopf krat­zend lehnte er sich in seinem Sessel zurück. Dabei legte er die Arme in den Nacken, sodass sein Bauch an der Tisch­kan­te an­stieß. Un­wei­ger­lich starr­te Mikael auf die beiden dunk­len Fle­cken unter seinen Ach­seln.
Ohne ihm einen Platz an­zu­bie­ten, begann sein Chef damit, sein An­lie­gen vor­zu­tra­gen. Tat­säch­lich war es kein An­lie­gen, eher ein Befehl: »Sie fahren noch heute in das Kaff und brin­gen die alte Schach­tel dazu, end­lich ihre Alm­hüt­te zu ver­kau­fen. Und halten Sie den Preis so nied­rig wie mög­lich. Ich gebe Ihnen eine Woche, um die Sache zu regeln. Not­falls spren­gen Sie die Bude in die Luft!«
Mikael zog er­staunt die Au­gen­brau­en hoch. Er hatte nur am Rande mit­be­kom­men, dass es Schwie­rig­kei­ten mit dem Erwerb eines der Grund­stü­cke gab, da dies nicht im Ent­fern­tes­ten in sein Auf­ga­ben­ge­biet fiel. »Mit dem al­ler­größ­ten Re­spekt, Herr Schmitz, aber sollte das nicht Herr Braun er­le­di­gen? Im­mer­hin hat er sich bis­lang darum ge­küm­mert.«
»Herr Braun ist im Urlaub und Sie haben so­wie­so nichts zu tun. Im Üb­ri­gen schei­nen Sie – für mich zwar in keins­ter Weise nach­voll­zieh­bar – eine ge­wis­se Wir­kung auf Frauen zu haben. Also müsste es für Sie ein Leich­tes sein, die Alte über den Tisch zu ziehen. Fahren Sie mit Ihrem Pri­vat­wa­gen, nach wie vor soll nie­mand wissen, dass wir dort bauen wollen.« Er klapp­te sein Ma­ga­zin wieder auf und be­trach­te­te damit das Ge­spräch als be­en­det.
Un­schlüs­sig blieb Mikael mitten im Raum stehen. Ent­ge­gen der Be­haup­tung, dass er nichts zu tun hatte, war­te­te ein ganzer Stall Arbeit auf ihn. Die Än­de­rungs­wün­sche des Bau­herrn muss­ten noch um­ge­setzt werden und das waren nicht gerade wenige ge­we­sen. Au­ßer­dem be­hag­te ihm der Auf­trag über­haupt nicht. Er hatte kein Pro­blem damit, mit einem Ge­schäfts­mann knall­har­te Ver­hand­lun­gen zu führen. Indes einer Omi ein Grund­stück zu einem Spott­preis ab­zu­luch­sen, war eine voll­kom­men andere Ge­schich­te.
»Warum sind Sie immer noch da?« Schmitz senkte seine Zei­tung und be­dach­te ihn mit einem her­ab­set­zen­den Blick.
»Wann soll ich Ihrer Mei­nung nach die Pläne ändern?«
»Nehmen Sie die Un­ter­la­gen eben mit und ar­bei­ten die Nacht durch. Oder kün­di­gen Sie, wenn es Ihnen zu viel wird. Schließ­lich waren Sie es, der getönt hat, er würde Tag und Nacht zur Ver­fü­gung stehen, sollte ich ihn be­auf­tra­gen. Und jetzt ver­schwin­den Sie end­lich!«
Mikael spiel­te einen kurzen Moment lang tat­säch­lich mit dem Ge­dan­ken, den Job hin­zu­wer­fen. Leider konnte er sich einen Aus­stieg aus dem Pro­jekt beim besten Willen nicht leis­ten. Das mick­ri­ge Mo­nats­ge­halt, das er bekam, war ein Witz und deckte gerade einmal die lau­fen­den Kosten. Würde er nicht ne­ben­bei noch den Ausbau des Dach­ge­schos­ses eines Ein­fa­mi­li­en­hau­ses planen, müsste er längst an sein Er­spar­tes gehen.
Im Nach­hin­ein be­trach­tet fragte er sich, was ihn dazu ge­trie­ben hatte, seinen gut be­zahl­ten Job bei der ös­ter­rei­chi­schen Nie­der­las­sung der schwe­di­schen Fer­tig­haus­fir­ma auf­zu­ge­ben und sich selbst­stän­dig zu machen. Bis­lang hatte ihm diese Ent­schei­dung nur Nach­tei­le ein­ge­bracht. Seine Lu­xus­woh­nung in der In­nen­stadt hatte er ver­kauft und sich etwas Güns­ti­ge­res ge­sucht. Der Sport­wa­gen musste im Hin­blick auf die Bau­stel­le einem Ge­län­de­wa­gen mit Prit­sche wei­chen und seine Freun­din war ihm gänz­lich ab­han­den­ge­kom­men. Sie hatte seinen Le­bens­wan­del mehr ge­liebt als ihn selbst. Aber es war nun einmal, wie es war, zurück konnte er auf keinen Fall.
Mikael ging in sein Büro und raffte die Pläne zu­sam­men. An­schlie­ßend schnapp­te er sich seinen Laptop und den Au­to­schlüs­sel und fuhr nach Hause. Besser gesagt in die Woh­nung, in der er lebte, denn ein Zu­hau­se war sie für ihn nicht. Ihm fehl­ten die über­schwäng­li­chen Be­grü­ßun­gen seines Col­lies. Die Hündin hatte seine Ex mit­ge­nom­men.
»Du hast so­wie­so keine Zeit für sie«, hatte sie ver­kün­det und er musste ihr leider zu­stim­men. Schmitz würde es nie­mals dulden, dass sein Hund mit zur Arbeit kam, und Lady den ganzen Tag al­lei­ne zu lassen, brach­te er nicht übers Herz.
Bei Sabine ging es ihr gut, dieses Wissen musste ihm ge­nü­gen. An­fangs kam ihm die Idee, sie hin und wieder zu be­su­chen. Das klapp­te schließ­lich auch mit ge­mein­sa­men Kin­dern, doch es blieb bei dem einen Mal. Im Ge­gen­satz zu Sabine emp­fand Mikael immer noch etwas für seine Ex und es tat zu sehr weh, sie mit einem An­de­ren zu sehen. Also ver­ab­schie­de­te er sich von der Frau, die er einmal hei­ra­ten wollte, wie auch von der drei­jäh­ri­gen tie­ri­schen Weg­ge­fähr­tin und kehrte nie mehr zurück. Das war zu­gleich der Moment, in dem Mikael be­schloss, sich von keiner Frau mehr aus­nut­zen zu lassen. Na­tür­lich würde er sich seinen Spaß gönnen, aber eine Be­zie­hung kam nicht in­fra­ge. Zur­zeit war nur eines wich­tig: seine Kar­rie­re.
Er legte die Un­ter­la­gen auf den Kü­chen­tisch, der ihm als Ar­beits­platz diente, und nahm sich ein Bier aus dem Kühl­schrank. Selbst wenn Schmitz im Vier­eck sprang, er würde sich erst in zwei Stun­den auf den Weg machen, um dem Fei­er­abend­ver­kehr zu ent­ge­hen. Zuvor muss­ten au­ßer­dem seine Nerven mit einer Zi­ga­ret­te be­ru­higt werden. Mikael holte die Schach­tel aus seiner Ja­cken­ta­sche und setzte sich auf seinen klei­nen Balkon. Mit in den Nacken ge­leg­tem Kopf ließ er ge­nüss­lich den Rauch in seine Lungen strö­men. Kurz darauf stieß er ihn wieder aus und plat­zier­te die Füße auf dem Ge­län­der. Dabei be­ob­ach­te­te er nach­denk­lich die Rauch­wol­ke, wie sie in den Himmel stieg und sich auf­lös­te. Ei­gent­lich hatte er sich vor­ge­nom­men, damit auf­zu­hö­ren, doch die Tren­nung von Sabine und der Stress im Büro hatten ihm einen Strich durch die Rech­nung ge­macht.
»Bring den Auf­trag zum Ab­schluss und du wirst Ruhe haben!«, sagte er laut zu sich selbst. Vor allem wären dann seine Ta­schen end­lich wieder mit Kohle ge­füllt. Mikael schloss die Augen und atmete tief durch. Obwohl das Bier be­reits leer und die Zi­ga­ret­te längst zu Ende ge­raucht war, blieb er noch eine Weile sitzen, bevor er sich auf­raf­fen konnte, seine Sachen zu packen.
Molly hatte ihm ein Zimmer in dem ein­zi­gen Dorf­gast­hof ge­bucht und ihm die Akte der Frau in die Hand ge­drückt, die es zu über­zeu­gen galt. Mikael schlug die Mappe auf. Ro­sa­lin­de Muhr hieß die alte Dame, die sich quer­stell­te und ihre däm­li­che Alm­hüt­te nicht ver­kau­fen wollte. So stand es je­den­falls auf der Kopie des Grund­buch­aus­zugs. Neu­gie­rig be­trach­te­te er das Foto, das eine weiß­haa­ri­ge Frau mit einem ver­schmitz­ten aber den­noch warm­her­zi­gen Lä­cheln zeigte. Es konnte doch nicht so schwer sein, einer fast Neun­zig­jäh­ri­gen das Häus­chen ab­zu­knöp­fen. Zumal sie es an­schei­nend schon län­ge­re Zeit nicht mehr nutzte, wie die bei­ge­leg­ten Fo­to­gra­fi­en ver­mu­ten ließen. Der Garten war ver­wil­dert, der Zaun schief und auf dem Dach fehl­ten et­li­che Holz­schin­deln. Strom und Wasser gab es da oben auch nicht, das wusste er, da ihm die genaue Kos­ten­auf­stel­lung zur Er­schlie­ßung des Hotels be­kannt war. Was also wollte die Omi mit der Bruch­bu­de noch?
Mikael zuckte mit den Schul­tern. Spä­tes­tens morgen würde er es wissen, jetzt lagen erst einmal zwei Stun­den Fahrt durch die Pampa vor ihm. Er kannte das zu­künf­ti­ge Bau­ge­biet nur von Bil­dern und Plänen. Schmitz hatte es nie für nötig ge­hal­ten, ihm das Ge­län­de zu zeigen. Im Ge­gen­teil, er hatte es sogar ver­hin­dert. »Das erregt zu viel Auf­se­hen, wenn sich da ein hoch­ge­wach­se­ner, blon­der Frem­der mit schwe­di­schem Akzent rum­treibt«, hatte er be­haup­tet. Bis heute war es Mikael un­be­greif­lich, warum sein Chef derart Wert darauf legte, dass nie­mand von dem Bau­vor­ha­ben mit­be­kam. Was war denn dabei, wenn das Ski­ge­biet ein neues Hotel bekam? Schließ­lich stan­den dort be­reits einige rum und nun sollte eben noch eins da­zu­kom­men. Na und?
Mikael nahm an, dass der alte Gries­gram ziem­lich am Ende mit seinem Latein war. Sonst würde er nicht aus­ge­rech­net ihn schi­cken, um das Müt­ter­chen um­zu­stim­men. Damit er den Schein wahren konnte, würde er sich als Tou­rist aus­ge­ben, der vor­hat­te, ein paar Tage durch die Wild­nis zu wan­dern. Zumal Schmitz in einem Punkt voll­kom­men recht hatte: Falls ihn nicht schon sein Aus­se­hen ver­riet – spä­tes­tens sobald er zu spre­chen begann, würde bei seinem Akzent aus­nahms­los jeder wissen, dass er nicht aus der Gegend stamm­te. Was in der An­ge­le­gen­heit sogar von Vor­teil war.
Mikael holte seine Lauf­schu­he aus der Kom­mo­de. Die alten Treter würden nun doch noch einmal zum Ein­satz kommen. Vor der Tren­nung von Sabine hatte er mor­gens immer seine Runde mit Lady ge­dreht. Das Joggen hatte er jedoch auf­ge­ge­ben, da es ihm ohne die Col­lie­hün­din keinen Spaß be­rei­te­te. Statt­des­sen zog es ihn jetzt Abend für Abend ins Fit­ness­stu­dio. Nicht weil er ein Ge­sund­heits­fa­na­ti­ker war, son­dern weil ihm die Ein­sam­keit in den ei­ge­nen vier Wänden un­er­träg­lich er­schien. We­nigs­tens blieb er so in Form und musste sich mit seinen zwei­und­drei­ßig Jahren nicht mit über­schüs­si­gen Kilos her­um­är­gern wie viele andere in seinem Alter.
Die Schuhe ver­schwan­den in der Rei­se­ta­sche, ihnen folg­ten eine Re­gen­ja­cke und das Nö­tigs­te aus dem Ba­de­zim­mer. Den Bart hatte sich Mikael erst heute Morgen ge­stutzt, also würde er die nächs­ten Tage Ruhe haben. Der so­ge­nann­te Drei­ta­ge­bart brauch­te bei ihm Wochen, um ver­nünf­tig aus­zu­se­hen, wes­halb er sich nur selten ganz ra­sier­te. Mikael kippte den Inhalt des Wä­sche­korbs in die Tasche. Die Kla­mot­ten hatten erst ges­tern den Trock­ner ver­las­sen, er war jedoch zu faul ge­we­sen, um sie in den Schrank zu räumen. Ei­gent­lich kam es in letz­ter Zeit fast nie vor, dass sie das Innere seines Klei­der­schranks zu sehen be­ka­men, da er sich meist direkt aus dem Korb be­dien­te. Wozu auch! Nun musste er sich über seine Gar­de­ro­be we­nigs­tens nicht lange den Kopf zer­bre­chen. Was letzte Woche gut war, würde für nächs­te Woche eben­falls rei­chen, da er ge­schäft­lich wie privat den­sel­ben Klei­dungs­stil zu tragen pfleg­te.
Eine Vier­tel­stun­de später saß Mikael in seinem Ge­län­de­wa­gen. Gepäck und Un­ter­la­gen waren auf der Rück­bank ver­staut, wäh­rend er fröh­lich das Lied mit­träl­ler­te, das im Radio lief. Plötz­lich fand er Ge­fal­len daran, ein paar Tage raus­zu­kom­men. Eine Woche ohne Schmitz’ Schi­ka­nen würde sich wie Urlaub an­füh­len. Un­be­zahl­ter Urlaub zwar, denn er würde für diesen Auf­trag kein extra Geld be­kom­men. Das war klar wie Kloß­brü­he an­ge­sichts der Knaus­rig­keit seines Auf­trag­ge­bers, aber das spiel­te keine Rolle.


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