Leseprobe Moesha – Die Suche nach Glück

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Leseprobe Moesha – Die Suche nach Glück


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Kapitel 1

»Mama! Mama! Wach doch auf, Mama!« Wie ein Wir­bel­wind stürm­te meine fünf­jäh­ri­ge Toch­ter ins Schlaf­zim­mer. Sie sprang mit einem großen Satz mitten auf das Bett und zerrte an der Bett­de­cke. »Mama! Augen auf, es ist schon hell!«
Schlaf­trun­ken linste ich zum Wecker. Das konnte nicht wahr sein. Wir hatten gerade einmal sieben Uhr und mein klei­ner Wild­fang war putz­mun­ter. Ihre krau­sen Haare stan­den un­ge­bän­digt in alle Rich­tun­gen und wipp­ten bei jedem Schritt lustig auf und ab. Sie war ihrem Vater wie aus dem Ge­sicht ge­schnit­ten. Fröh­li­che Augen blitz­ten unter den dunk­len, ge­schwun­ge­nen Au­gen­brau­en hervor. Den Kopf leicht zur Seite ge­neigt grins­te sie ver­schmitzt. Genau so hatte mich Joshua immer an­ge­se­hen, bevor er mich küsste. Die vollen Lippen ließen un­miss­ver­ständ­lich ihre Her­kunft er­ken­nen und waren der ein­deu­ti­ge Beweis dafür, dass zum Teil afri­ka­ni­sches Blut in ihren Adern floss. Nur die Stups­na­se und die etwas hel­le­re Farbe der Haut zeug­ten davon, dass sie auch meine Toch­ter war. Ebenso ihr über­schwäng­li­ches Tem­pe­ra­ment, das meinem in nichts nach­stand.
»Moesha, du sollst mich doch schla­fen lassen. Ich habe ges­tern bis spät in die Nacht ge­ar­bei­tet«, rügte ich sie. Dabei ver­such­te ich, meiner Stimme einen ta­deln­den Klang zu ver­lei­hen. Un­be­ein­druckt schlüpf­te sie zu mir unter die Decke und ku­schel­te sich an mich.
»Aber Mama, du musst jetzt unsere Koffer packen«, drän­gel­te sie un­ge­dul­dig.
»Süße, dafür haben wir noch den ganzen Tag Zeit.« Seuf­zend drück­te ich mein Mäd­chen an mich. Ich konnte ihre Auf­re­gung gut ver­ste­hen, denn lang­sam aber sicher machte sich auch in mir Unruhe breit. Schließ­lich woll­ten wir am nächs­ten Morgen in aller Frühe auf­bre­chen, um in das Land zu reisen, in dem ihr Papá lebte.
Sechs Jahre waren ver­gan­gen, seit ich Joshua Ray­mond ver­las­sen musste. Mehr als seine zwei Vor­na­men kannte ich nicht. Obwohl ich kaum Hoff­nung hegte, ihn wie­der­zu­fin­den, wollte ich es trotz­dem ver­su­chen.
Moesha hatte ich in meine Pläne bis­lang nicht ein­ge­weiht und sie in dem Glau­ben ge­las­sen, dass wir in die Do­mi­ni­ka­ni­sche Re­pu­blik flogen, um ihr das Hei­mat­land ihres Vaters zu zeigen. Und das war gut so. Sie hatte in ihrem kurzen Leben be­reits zu viele Ent­täu­schun­gen er­tra­gen müssen.
»Mama? Tref­fen wir dort meinen Papá?«, er­kun­dig­te sie sich aus hei­te­rem Himmel. Moesha war schlau­er, als ich es von einer Fünf­jäh­ri­gen er­war­tet hätte. Ihre reh­brau­nen Augen fi­xier­ten mich, als wüss­ten sie genau, wo ich gerade mit meinen Ge­dan­ken war. Zärt­lich strei­chel­te ich ihr die Wange. »Das weiß ich leider nicht, meine Süße.«
»Aber wir suchen ihn, oder?« Sie strahl­te über das ganze Ge­sicht und schlüpf­te mit ihren kalten Füßen unter mein Ober­teil. In­stink­tiv hielt ich die Luft an, dann wu­schel­te ich ihr seuf­zend durch die Locken. »Ja, Klei­nes! Das machen wir.«
»Er­zählst du mir von Papá?«
Lä­chelnd be­trach­te­te ich mein Kind. Moesha konnte nicht genug Ge­schich­ten über ihren Vater hören und ich war immer gerne bereit, ihrem Wunsch nach­zu­kom­men. Im­mer­hin hatte ich mit Joshua die schöns­ten Wochen meines Lebens ver­bracht.
»Was willst du wissen?«
»Sehe ich wirk­lich so aus wie er?«
Ich wi­ckel­te mir eine Sträh­ne ihres wi­der­spens­ti­gen Haares um den Finger. Es fühlte sich fein an, nicht bors­tig, wie man es dem Aus­se­hen nach er­war­ten würde.
»Ja, Klei­nes. Dein Haar ist wie seins. Weich und flau­schig wie ein Wat­te­bausch, mit ebenso süßen krau­sen Löck­chen.«
Skep­tisch be­äug­te mich meine Toch­ter. Ihr Wu­schel­kopf war an­dau­ernd ein Streit­the­ma zwi­schen uns, da Moesha lieber meine glat­ten Haare hätte.
»Und genau des­halb bin ich froh, dass du nicht meine blon­den Zot­teln hast. Wenn ich dir über den Kopf strei­che, er­in­nert mich das an deinen Papá.« Me­lan­cho­lie er­griff Besitz von mir. Noch immer gelang es mir nicht, ohne Wehmut an Moe­shas Vater zu denken. »Komm, wir fangen an zu packen«, for­der­te ich meine Kleine auf, bevor mir noch Tränen in die Augen stie­gen.
Vor­sich­tig löste ich mich von ihr, streck­te ein Bein aus dem Bett und an­gel­te nach den Haus­schu­hen. Ich war er­leich­tert, dass Moesha sofort wieder Feuer fing, und somit vergaß, wei­te­re Fragen zu stel­len. Heute ging mir der Ge­dan­ke an damals be­son­ders nah.
Mein Vater stahl mir sechs Jahre meines Lebens, indem er ver­hin­der­te, dass ich den Kon­takt zu Joshua auch nach dem Urlaub auf­recht­erhal­ten konnte. Nach­dem er er­fah­ren hatte, dass ich eine ›Affäre mit einem Bimbo‹ hatte – wie er es ver­ächt­lich be­zeich­ne­te – be­hielt er mich die rest­li­chen Tage, die wir in der Dom Rep ver­brach­ten, im Auge. Da­durch bekam ich keine Ge­le­gen­heit mehr, Joshua nach seiner Adres­se oder Te­le­fon­num­mer zu fragen. Auch nach meiner Rück­kehr gelang es mir nicht, sie aus­fin­dig zu machen. Als ich später auch noch ge­ste­hen musste, dass die Li­ai­son nicht ohne Folgen ge­blie­ben war, gab es für ihn keine Toch­ter mehr.
»Dieses Mu­lat­ten­balg wird nie­mals mein Enkel sein!«, hatte er ge­brüllt und mir über meine Mutter mit­tei­len lassen, dass es in seinem Haus für mich keinen Platz mehr geben würde, sollte ich dieses Kind be­kom­men.
Ge­reizt zerrte ich einen Koffer aus der Ab­stell­kam­mer. Wenn er wüsste, dass ich im Be­griff war, in die Do­mi­ni­ka­ni­sche Re­pu­blik zu­rück­zu­keh­ren, um nach Moe­shas Vater zu suchen, wäre er ver­mut­lich an die Decke ge­gan­gen.
An dem Tag, an dem meine Toch­ter das Licht der Welt er­blick­te und er mit Ent­set­zen fest­stel­len musste, dass ich dieses Baby auf gar keinen Fall zur Ad­op­ti­on frei­ge­ben würde, machte er seine Dro­hung wahr und sprach kein Wort mehr mit mir.
We­nigs­tens musste Moesha nicht auch noch auf ihre Oma ver­zich­ten, denn meine Mutter liebte ihre En­ke­lin ab­göt­tisch. Trotz­dem fand sie nicht den Mut, sich ge­gen­über meinem Vater durch­zu­set­zen, und so be­such­te sie zwar mich, mir hin­ge­gen blieb der Zu­tritt zu meinem El­tern­haus wei­ter­hin ver­wehrt.
Na­tür­lich hatte der Tyrann von einem Vater mir sofort nach Moe­shas Geburt den Geld­hahn zu­ge­dreht. Zum Glück schaff­te ich es mit­hil­fe meiner Mutter und meiner Er­spar­nis­se, das Ju­ra­stu­di­um zu be­en­den. Es war alles andere als ein­fach und im Nach­hin­ein be­trach­tet, wun­der­te ich mich, wie ich es ge­schafft hatte, Stu­di­um, Baby und Job unter einen Hut zu be­kom­men.
Obwohl mir gerade der Job die Si­tua­ti­on doch sehr er­leich­ter­te. Da mich mein Vater von Anfang an kurz­hielt, musste ich be­reits wäh­rend des Stu­di­ums in einer Kanz­lei ar­bei­ten, um über die Runden zu kommen. Zu meinem Chef, Ste­phan Kern, hatte ich rasch ein freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis auf­ge­baut, das mir in meiner pre­kä­ren Le­bens­la­ge nun zu­gu­te­kam. Schon vor dem Urlaub hatte er mir mit­ge­teilt, dass ich nach dem Stu­di­en­ab­schluss über­nom­men werden sollte. Dazu stand Ste­phan auch noch, als er von meiner Schwan­ger­schaft erfuhr.
»Das Kind schau­keln wir ge­mein­sam«, hatte er mit einem Lä­cheln zu mir gesagt und dafür ge­sorgt, dass ich oft von zu Hause aus ar­bei­ten konnte. So war ich nicht ge­zwun­gen, mein Kind in fremde Hände zu geben, und Moesha musste nur selten auf ihre Mama ver­zich­ten.
»Darf ich das blaue Kleid mit­neh­men?« Meine Toch­ter kam mit Kla­mot­ten be­la­den ins Schlaf­zim­mer ge­stürzt und warf sie mitten aufs Bett, um dar­auf­hin sofort in ihr Zimmer zu­rück­zu­lau­fen.
»Hey! Stop, Klei­nes! Ich helfe dir. Die meis­ten Sachen, die du an­ge­schleppt hast, kannst du in der Ka­ri­bik nicht ge­brau­chen. Du weißt doch, dass es dort viel wärmer ist als bei uns.«
Moesha blieb stehen, nickte eifrig und rannte zurück. Dann schnapp­te sie sich zwei der Pull­over, um sie wieder in ihr Zimmer zu brin­gen. Ich kam nicht einmal dazu, in meine Jeans zu stei­gen, da klin­gel­te es an der Tür.
»Moesha, kannst du bitte auf­ma­chen? Ich muss mich noch an­zie­hen. Das ist be­stimmt die Omi.«
Ich hätte mir sparen können, sie dazu auf­zu­for­dern. Meine Kleine war längst an der Tür, und bevor der letzte Klin­gel­ton ver­hall­te, fiel sie ihrer Groß­mutter um den Hals.
»Omiiii!«, kreisch­te sie und gab ihr einen dicken Kuss auf die Backe.
»Guten Morgen, Mäus­chen«, lachte sie und nahm ihre En­ke­lin auf den Arm. »Na? Bist du schon auf­ge­regt?«
»Und wie! Wir werden meinen Papá suchen!«
Ir­ri­tiert warf mir meine Mutter einen fra­gen­den Blick zu. Ich hob ab­weh­rend beide Hände und band mir an­schlie­ßend die Haare im Nacken zu einem Knoten zu­sam­men. »Sie ist selbst drauf­ge­kom­men. Ich habe ihr nichts ver­ra­ten«, ver­tei­dig­te ich mich.
Meine Mutter stell­te Moesha auf den Boden, die so­gleich in ihr Zimmer flitz­te, und kam auf mich zu. Lie­be­voll hauch­te sie mir einen Kuss auf die Stirn. Sie roch wie immer nach ihrem sünd­haft teuren Parfum. Auch wenn einige silb­ri­ge Sträh­nen ihr kurzes blon­des Haar durch­zo­gen, sah man es ihr nicht an, dass sie schon bald ihren zwei­und­fünf­zigs­ten Ge­burts­tag feiern würde.
»Du weißt, ich wün­sche euch von ganzem Herzen Glück bei eurer Suche. Aber was wirst du tun, wenn du ihn tat­säch­lich fin­dest?«
Ich zuckte ratlos mit den Schul­tern und nahm meiner Mutter den Mantel ab. Dar­über hatte ich mir noch keine Ge­dan­ken ge­macht.
»Me­la­nie, in den sechs Jahren kann so viel pas­siert sein. Du hast keine Ahnung, was er heute macht, wo er gerade ist. Viel­leicht hat er ge­hei­ra­tet und mit einer an­de­ren Frau eine Fa­mi­lie ge­grün­det. Du könn­test mit deiner Suche sein ganzes Leben durch­ein­an­der­brin­gen. Willst du ihm das wirk­lich antun?«
»Mama! Dar­über haben wir doch schon ge­spro­chen. Ich habe schon viel zu lange damit ge­war­tet. Er hat ein Recht darauf zu er­fah­ren, dass er eine Toch­ter hat. Das bin ich ihm schul­dig. Erst muss ich ihn finden, alles andere wird sich dann er­ge­ben.« Ich hielt inne und atmete tief ein. »Kannst du bitte bei Moesha blei­ben? Ich muss auf einen Sprung in die Kanz­lei.«
»Sicher! Ich mach meiner Lieb­lings­enke­lin Früh­stück. Willst du einen Kaffee?«, er­kun­dig­te sie sich und ver­schwand in der Küche.
»Keine Zeit!«, rief ich und has­te­te ins Ba­de­zim­mer. Heute musste eine Kat­zen­wä­sche rei­chen. An­schlie­ßend suchte ich flu­chend nach meiner Hand­ta­sche und schnapp­te mir die Akten, die ich ges­tern noch be­ar­bei­tet hatte. Moesha fing mich an der Tür ab und mus­ter­te mich ver­un­si­chert.
»Keine Angst, Süße. Ich brauch nicht lange. Ich muss nur Onkel Chris etwas vor­bei­brin­gen.«
»Du fliegst nicht ohne mich, oder?«, ängst­lich hielt sie meinen Arm fest.
»Aber nein, was denkst du von mir? Ich kann doch nicht auf die beste Spür­na­se der Welt ver­zich­ten.«
Über­mü­tig kniff ich ihr in die Seite und sie ließ sich gluck­send auf den Boden fallen. Ich beugte mich zu ihr her­un­ter und kit­zel­te sie weiter.
»Auf­hö­ren! Auf­hö­ren! Ich muss Pipi«, wim­mer­te Moesha nach kurzer Zeit und ich stopp­te meine Kit­zel­at­ta­cke. Sie sprang eilig auf und has­te­te quer durch die Woh­nung, um es recht­zei­tig auf das WC zu schaf­fen. Schnell nutzte ich die Ge­le­gen­heit, nickte meiner Mutter zum Ab­schied zu und schloss leise die Tür hinter mir. Bevor ich das ex­klu­si­ve Wohn­haus ver­ließ, in das ich vor einem Jahr ein­ge­zo­gen war, holte ich tief Luft.
Drau­ßen auf dem Gehweg ström­te das Stadt­le­ben an mir vorbei. Ein Mann im Maß­an­zug – das Handy ans Ohr ge­drückt und an­ge­regt in ein Ge­spräch ver­tieft – ach­te­te kaum auf seinen Weg. Kinder trugen ihre über­gro­ßen Ranzen in Rich­tung Schule und fopp­ten sich ge­gen­sei­tig.
Eine ältere, gut ge­klei­de­te Dame aus der Nach­bar­schaft ging schwer­fäl­lig mit einem Dackel Gassi, der sich mit laut­star­kem Gebell über den La­bra­dor auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te brüs­kier­te.
La­chend schüt­tel­te ich an­ge­sichts des Grö­ßen­wahns des klei­nen Kerl­chens den Kopf und ließ mich vom Men­schen­strom mit­rei­ßen. Die Kanz­lei ›Kern&Kern‹, in der ich ar­bei­te­te, befand sich nur wenige Stra­ßen stadt­ein­wärts und zählte zu den re­nom­mier­tes­ten Wiens.
Ste­phan hatte sich in den letz­ten fünf Jahren wie ein Vater um mich ge­küm­mert. Völlig egal, um was es ging, un­ter­stütz­te er mich immer, so gut er konnte. Ohne ihn hätte ich nie den Mut ge­fun­den, die Reise an­zu­tre­ten. Es war seine Idee ge­we­sen, dass ich auf die Insel zu­rück­keh­ren sollte, um nach Moe­shas Vater zu suchen. Kur­zer­hand ver­pass­te er mir Zwangs­ur­laub und drück­te mir zwei Flug­ti­ckets in die Hand. Er konnte es nicht mehr mit an­se­hen, wie die Mutter seines Pa­ten­kin­des dar­un­ter litt, ihr Mäd­chen al­lei­ne groß­zie­hen zu müssen, ohne dass der leib­li­che Vater von der Exis­tenz seines Kindes über­haupt etwas ahnte.
Er sah in mir die Toch­ter, die er und seine Frau Sonja nie be­kom­men hatten. Ge­mein­sam mit seinem Sohn Chris­to­pher, der wie ein Bruder für mich war, hatten sie mich in ihre Fa­mi­lie auf­ge­nom­men. Sie gaben mir den Rück­halt, den mir der eigene Vater nicht mehr ge­währ­te.
Ich lehnte mich mit aller Kraft gegen die Tür des Alt­baus, bis sie knar­rend nach­gab. Jeder meiner Schrit­te hallte in dem hohen Trep­pen­haus wider und ich be­eil­te mich, in den zwei­ten Stock zu kommen.
In der Kanz­lei wurde ich von un­se­rer Emp­fangs­da­me mit einem fra­gen­den Blick be­grüßt. »Guten Morgen, Me­la­nie. Ich dachte, Sie haben ab heute Urlaub?«
»Guten Morgen, Silvia. Habe ich auch. Aber ich muss Chris noch die Un­ter­la­gen vor­bei­brin­gen. Kann ich zu ihm? Ist er in seinem Büro?«
Silvia nickte, und als sie der Mei­nung war, ich würde es nicht mehr be­mer­ken, warf sie mir einen ver­ächt­li­chen Blick hin­ter­her. Sie war von Anfang an ei­fer­süch­tig auf mich ge­we­sen. Es miss­fiel ihr, dass ich sofort ein en­ge­res Ver­hält­nis zu Chris­to­pher auf­ge­baut hatte als sie.
Silvia war seit über acht Jahren für die Kanz­lei ›Kern&Kern‹ tätig und him­mel­te den Ju­ni­or­chef be­reits an, als ich dort zu ar­bei­ten begann. Dass dieser glück­lich ver­hei­ra­tet war und mit seiner be­zau­bern­de Frau Ca­ro­li­ne einen bild­hüb­schen, auf­ge­weck­ten Sohn hatte, schien sie nicht zu in­ter­es­sie­ren.
Ich klopf­te an Chris­to­phers Tür und war­te­te auf ein Zei­chen, um sein Büro zu be­tre­ten. Erst nach einer ganzen Weile er­tön­te ein kurzes ›Herein‹ und ich trat ein.
»Hallo Chris.« Skep­tisch mus­ter­te ich ihn. »Ich hoffe, ich störe nicht.«
»Guten Morgen, Mel. Nein, mach dir keine Ge­dan­ken. Es tut mir leid, dass du warten muss­test. Ich hatte noch ein Te­le­fon­ge­spräch mit einem Man­dan­ten. Du bringst mir die Un­ter­la­gen?«
Er erhob sich hinter seinem Schreib­tisch und for­der­te mich mit einer ein­la­den­den Geste auf, mich zu setzen. Ich konnte Silvia schon ver­ste­hen, warum sie nicht auf­ge­ben wollte, von ihm zu träu­men. Man konnte Chris­to­pher zwar nicht als hübsch be­zeich­nen, doch durch sein sou­ve­rä­nes Auf­tre­ten strahl­te er Au­to­ri­tät aus und das wie­der­um machte ihn in­ter­es­sant.
Seine fach­li­che Kom­pe­tenz und der un­ge­bro­che­ne Kampf­geist ließen ihn zu einem der er­folg­reichs­ten An­wäl­te Wiens auf­stei­gen. Dem­entspre­chend musste sich die Kanz­lei ›Kern&Kern‹ auch keine Sorgen machen, an neue Man­dan­ten zu kommen. Im Ge­gen­teil, viele pro­mi­nen­te Leute rissen sich darum, von uns ver­tre­ten zu werden.
»Ich habe für dich ges­tern noch alles Re­le­van­te her­vor­ge­ho­ben und ich konnte zwei pas­sen­de Fall­bei­spie­le finden.« Mit einem Lä­cheln streck­te ich ihm die Un­ter­la­gen ent­ge­gen. »Und Chris, danke, dass du für mich ein­springst.«
»Jetzt hör schon auf, dich zu be­dan­ken. Ich habe dir doch gesagt, dass es für mich selbst­ver­ständ­lich ist.«
Er nahm die Akte und schlug sie in­ter­es­siert auf. Ich ließ ihm ein wenig Zeit, um die Blät­ter zu über­flie­gen, dann er­klär­te ich: »Die Man­dan­tin kommt heute Nach­mit­tag. Ich habe ihr ver­si­chert, dass sie bei dir in den besten Händen sei. Mich ärgert es, dass dieser Termin so kurz­fris­tig ver­scho­ben wurde. Wäre er wie ge­plant letzte Woche ge­we­sen, hätte ich be­ru­higt ab­flie­gen können.«
Ich war kurz davor ge­we­sen, die Reise ab­zu­bla­sen, als ich von der Ter­min­ver­le­gung erfuhr, aber Ste­phan und Chris­to­pher woll­ten nichts davon hören. Chris be­teu­er­te mir mehr­mals, dass es so­wie­so nur noch eine Form­sa­che wäre, vor Ge­richt zu er­schei­nen.
»Mach dir keine Sorgen. Du hast im Vor­feld so groß­ar­ti­ge Arbeit ge­leis­tet, dass gar nichts mehr schief­ge­hen kann.« Chris legte mir be­sänf­ti­gend seine Hände auf die Schul­tern. »Geh nach Hause, pack deine Koffer und flieg in die Ka­ri­bik. Genieß deinen Urlaub, du hast ihn dir mehr als nur ver­dient.«
Ich atmete tief durch und sah ihn dank­bar an, dann erhob ich mich, um mich von ihm zu ver­ab­schie­den.
»Du wirst ihn finden, Mel, da bin ich mir ganz sicher. Und melde dich bei Eva-Lisa. Sie ist gerade dabei, ein paar Er­kun­dun­gen ein­zu­ho­len.«
Er drück­te mir einen klei­nen Zettel mit ihrer Te­le­fon­num­mer in die Hand. Dass Chris­to­pher durch einen Man­dan­ten Be­zie­hun­gen zu einer An­wäl­tin in der Do­mi­ni­ka­ni­schen Re­pu­blik hatte, war ein glück­li­cher Zufall. Sie hatte ihn vor nicht allzu langer Zeit bei einem Grund­stücks­kauf un­ter­stützt. Meine Chan­cen, mit der Suche er­folg­reich zu sein, stie­gen da­durch um ei­ni­ges. Durch sie bekam ich Zugang zu Mel­de­re­gis­tern und an­de­ren Un­ter­la­gen, die ich sonst nie zu Ge­sicht be­kom­men hätte. Chris kon­tak­tier­te sie, als fest­stand, dass ich mich auf das Aben­teu­er ein­las­sen würde, und sie sagte sofort ihre Hilfe zu.
»Jetzt mach, dass du ver­schwin­dest! Ich will dich erst in drei Wochen wie­der­se­hen.« Chris­to­pher drück­te mir einen brü­der­li­chen Kuss auf die Schlä­fe und schob mich zur Tür hinaus.
Seuf­zend rückte ich mir meine Tasche auf der Schul­ter zu­recht und machte mich auf den Weg nach Hause, wo ich von meiner Toch­ter schon un­ge­dul­dig er­war­tet wurde.

* * *

Nach einer kurzen, un­ru­hi­gen Nacht saßen Moesha und ich mit ge­pack­ten Kof­fern im Taxi, das uns zum Flug­ha­fen Wien-Schwe­chat brach­te. Meine Kleine kam aus dem Stau­nen nicht mehr heraus. Für sie war es das erste Mal, dass sie mit einem Flug­zeug ver­rei­sen durfte.
Mit of­fe­nem Mund drück­te sie sich an der Fens­ter­schei­be der Ab­flug­hal­le die Nase platt. Wäh­rend ich das Gepäck aufgab, be­ob­ach­te­te sie, wie die Flug­zeu­ge auf die Start­bahn roll­ten, um dann mit lautem Getöse ab­zu­he­ben.
»Die machen aber viel Krach, Mama!«, meinte sie be­ein­druckt.
»Hast du Angst?«
»Nee! Wann dürfen wir in un­se­ren Flie­ger?«
»Schon bald, Süße. Wollen wir vorher noch ein wenig bum­meln gehen, oder möch­test du hier blei­ben und weiter zu­gu­cken?«
Moesha sprang von dem klei­nen Podest am Fens­ter, nahm meine Hand und zog mich un­ter­neh­mungs­lus­tig in Rich­tung der Ge­schäf­te. In einem Zei­tungs­la­den ent­deck­te sie sofort die Kiste mit den Fillys und bet­tel­te mich stumm mit den Augen an. Wie jedes kleine Mäd­chen war sie in diese bunten, fröh­li­chen Zau­ber­po­nys völlig ver­narrt. Ich er­laub­te ihr zwei aus­zu­su­chen, die so­gleich ein neues Zu­hau­se in ihrem Sam­mel­köf­fer­chen fanden.
Dann be­ga­ben wir uns auf den Weg zu un­se­rem Gate. Hinter dem Flug­ha­fen reckte gerade die Sonne ihre ersten Strah­len empor und tauch­te die Ebene in ein tief­ro­tes Licht, als würde sie in Flam­men stehen. Aus dem Au­gen­win­kel be­merk­te ich, wie mein klei­nes Mäd­chen herz­zer­rei­ßend gähnte.
Der gest­ri­ge Tag war lang ge­we­sen, des­halb hegte ich die Hoff­nung, dass sie den Flug zum größ­ten Teil ver­schla­fen würde. Ich hatte einen Di­rekt­flug nach Santo Dom­in­go ge­bucht, doch die elf Stun­den Flug würden auch so sehr an­stren­gend werden.
Als wir beim Si­cher­heits­check an­ka­men, konnte sie kaum noch die Augen of­fen­hal­ten und hing mit ihrem ganzen Ge­wicht an meinem Arm. Der Beamte, der unsere Pässe kon­trol­lier­te, ver­such­te mit ihr zu scher­zen, doch sie re­agier­te nur noch mit einem müden Lä­cheln. Ich hob mein Töch­ter­chen kurz ent­schlos­sen hoch und setzte sie mir auf die Hüfte.
Dank­bar ließ sie ihr Köpf­chen auf meine Schul­ter fallen und begann mit zwei Fin­gern in meinen Haaren zu zwir­beln. Der Po­li­zist war wie die meis­ten Men­schen von Moe­shas An­blick ver­zau­bert.
»Die Kleine schläft Ihnen gleich ein«, schmun­zel­te er.
»Ja, sie fliegt zum ersten Mal und hat vor Auf­re­gung heute Nacht kaum ge­schla­fen. Wie weit ist es bis zum Gate?«
»Wohin flie­gen Sie denn?« In­ter­es­siert mus­ter­te er unsere Ti­ckets, dann fügte er hinzu: »Den Gang hin­un­ter, der vor­letz­te Schal­ter. Schaf­fen Sie es mit der Klei­nen oder soll ich Ihnen helfen?«
»Vielen Dank, sehr nett, aber ich komme schon zu­recht. Wenn Sie mir viel­leicht mein Hand­ge­päck geben könn­ten?«
»Wissen Sie was, ich habe jetzt so­wie­so Fei­er­abend. Ich be­glei­te Sie.«
»Das ist wirk­lich nicht nötig. Es ist ja nicht weit. Aber trotz­dem danke«, ich nickte dem Mann freund­lich zu.
Er reich­te mir Moe­shas Köf­fer­chen, das sie sofort von mir ein­for­der­te. Sie stopf­te es zwi­schen ihre und meine Brust und flüs­ter­te artig ein ›Danke‹. Dann nahm ich den klei­nen Trol­ley in Emp­fang, auf den der nette Mann meine Jacke ge­hängt hatte, und machte mich auf den Weg.
Am Gate wurden wir von einem Ste­ward er­war­tet, der mir das Gepäck abnahm und uns ins Flug­zeug be­glei­te­te. Kurze Zeit später saß ich end­lich auf meinem Platz und Moesha klet­ter­te auf ihren Sitz. Sie hatte einen Fens­ter­platz und legte ihre Wange an die kalte Schei­be. Mit müden Augen be­ob­ach­te­te sie, wie wir auf die Start­bahn roll­ten. Als das Flug­zeug durch­star­te­te, griff sie ängst­lich nach meiner Hand und war schlag­ar­tig putz­mun­ter. Ich be­merk­te, wie sie die Luft an­hielt und leicht vor Auf­re­gung zit­ter­te. Doch kaum hatten wir den Boden ver­las­sen, atmete sie er­leich­tert aus und meinte total über­wäl­tigt: »Wir flie­gen, Mama!«
»Ja, meine Süße. Wir flie­gen.« Ich lä­chel­te über mein be­geis­te­rungs­fä­hi­ges Töch­ter­chen. Sie drehte ihren Kopf zu mir und hauch­te mit matter Stimme: »Bald sehe ich meinen Papá.«
»Das hoffe ich, meine Kleine«, mur­mel­te ich trau­rig, weil ich mir nicht sicher war, ob unsere Suche von Erfolg ge­krönt sein würde. In den letz­ten sechs Jahren konnte so vieles pas­siert sein. Moe­shas Vater träum­te damals davon, in den USA Kar­rie­re zu machen. Er wollte nach Las Vegas, um dort auf einer der be­rühm­ten Show­büh­nen groß raus­zu­kom­men. Was, wenn er sich diesen Wunsch er­füllt hatte?
»Ich hoffe es wirk­lich, meine Süße.« Sanft strei­chel­te ich Moesha über die Wange und ihre Augen wurden immer schwe­rer. Kurze Zeit später war sie auch schon ein­ge­schla­fen. Zärt­lich zog ich die dünne Decke über ihre Schul­tern, die ich von der Ste­war­dess be­kom­men hatte, und machte es mir im Sitz bequem. Die Un­ge­wiss­heit, ob meine Reise den ge­wünsch­ten Aus­gang haben würde, zehrte an meiner Kraft. Er­schöpft schloss auch ich die Lider und meine Ge­dan­ken wan­der­ten zum ersten und gleich­zei­tig ein­zi­gen Mal zurück, als ich in die Ka­ri­bik flog. Bilder, so scharf, als wäre es erst ges­tern ge­we­sen, er­schie­nen vor meinem in­ne­ren Auge.
Ich war damals ein­und­zwan­zig, ohne festen Freund und heiß auf ein Aben­teu­er …


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Kapitel 2

»Me­la­nie, trödle nicht so herum, sonst fliegt das Flug­zeug ohne uns ab.« Die ta­deln­den Worte meines Vaters über­tön­ten alle Ge­räu­sche in der Ab­flug­hal­le. Ich war für zwei Mi­nu­ten auf dem WC und er tat so, als hätte ich eine halbe Ewig­keit ge­braucht.
»Ich komm ja schon. Reg dich nicht auf, wir haben noch über eine Stunde Zeit.« Miss­bil­li­gend schüt­tel­te ich den Kopf.
»Ich soll mich nicht auf­re­gen? Du kannst gerne hier­blei­ben, wenn du frech wirst.« Mein Vater befand sich heute mal wieder in Höchst­form.
Wahr­schein­lich wäre es doch besser ge­we­sen, zu Hause zu blei­ben, schoss es mir durch den Kopf. All meine Freun­de rümpf­ten die Nase, als ich er­zähl­te, dass ich mit meinen Eltern in den Urlaub fuhr. Na gut, sie hatten auf eine Art recht, doch es war nicht ein­fach nur ein Urlaub. Es war ein Traum­ur­laub, für den ich keinen Cent bei­tra­gen musste. Dafür würde ich Vaters Launen drei Wochen lang ge­dul­dig er­tra­gen können.
»Wolf­gang. Lasst uns lieber die freie Zeit ge­nie­ßen, an­statt uns zu strei­ten«, ver­such­te meine Mutter uns zu be­sänf­ti­gen.
»Ich strei­te mich doch gar nicht. Mich ärgert es nur, dass Madam an­schei­nend der Mei­nung ist, dieses ver­damm­te Flug­zeug würde auf sie warten.« Er warf mir einen vor­wurfs­vol­len Blick zu, der so viel heißen sollte wie: Na, siehst du, was du an­ge­rich­tet hast? Du hast deiner Mutter den Urlaub ver­dor­ben.
Da mir be­kannt war, dass er unter Flug­angst litt, igno­rier­te ich ihn ein­fach. Seine Laune würde sich bes­sern, sobald seine Ta­blet­ten end­lich wirk­ten, und genau so kam es dann auch. Nach­dem wir den Bo­den­kon­takt ver­lo­ren hatten und der Vogel sicher in die Luft ge­stie­gen war, holte mein Vater tief Luft und grins­te meine Mutter und mich an.
»End­lich geht’s los. Me­la­nie, es freut mich, dass du dich doch dazu ent­schie­den hast, mit uns zu kommen. Ei­gent­lich dachte ich, dass du lieber mit Mi­cha­el in den Urlaub fahren wür­dest.«
»Papa, mit dem ist doch schon seit Wochen Schluss.«
Die Tren­nung war häss­lich ge­we­sen, aber längst über­fäl­lig. Mi­cha­el hatte be­gon­nen, mich zu kon­trol­lie­ren. Er folgte mir in die Uni und be­schat­te­te mich auf Schritt und Tritt, um mich beim Fremd­ge­hen zu er­wi­schen. Als ich ihm auf die Schli­che kam, wollte ich sofort die Not­brem­se ziehen. Doch so ein­fach war das nicht. Die letz­ten Monate drohte er immer wieder, dass er sich um­brin­gen würde, sollte ich ihm den Lauf­pass geben. Als er jedoch einen meiner Kom­mi­li­to­nen grund­los an­griff und ihn wüst be­schimpf­te, war das Maß voll. Ich brüll­te ihn an, dass ich es nicht mehr mit ihm aus­hal­ten würde, und als er wieder mit der Selbst­mord Ge­schich­te anfing, tat ich so, als wäre es mir egal. Ich bot ihm sogar an, einen Strick zu kaufen, sollte er sich fürs Er­hän­gen ent­schei­den. An­schei­nend hatte ich damit genau das Rich­ti­ge getan, denn er trat flu­chend den Rück­zug an. Im Nach­hin­ein musste ich zu­ge­ben, dass ich das schon viel früher hätte tun sollen.
»Das ver­ste­he ich nicht. Mi­cha­el ist so ein netter Junge. Er wird be­stimmt einmal ein guter Arzt. Sprich doch mit ihm, viel­leicht ver­gibt er dir ja.«
Dass mein Vater mut­maß­te, ich wäre schuld am Schei­tern der Be­zie­hung, über­rasch­te mich über­haupt nicht. Immer ging er davon aus, dass es an mir lag, wenn etwas nicht funk­tio­nier­te. Er traute mir auch nicht zu, eine gute An­wäl­tin zu werden, und be­zeich­ne­te mein Stu­di­um von Anfang an als Schnaps­idee. Zum Glück schaff­te es meine Mutter, ihn vom Ge­gen­teil zu über­zeu­gen. So durfte ich mit dem Ju­ra­stu­di­um be­gin­nen, obwohl mein Vater der An­sicht war, ich sollte mir lieber einen Mann suchen – am besten einen Arzt –, hei­ra­ten und Kinder groß­zie­hen. Zu mehr sei eine Frau nicht fähig, be­ton­te er immer wieder.
»Ver­giss es, der Arsch kann sich eine andere suchen«, sagte ich ver­bit­tert und starr­te aus dem Fens­ter.
»Clau­dia, kannst du deine Toch­ter zur Ver­nunft brin­gen?«, herrsch­te mein Vater meine Mutter an.
»Lass sie doch, Wolf­gang. Mi­cha­el war ein­fach nicht der Rich­ti­ge für sie. Viel­leicht klappt es ja mit diesem Chris­to­pher, der ist doch nett.«
»Mama!«, stöhn­te ich ge­nervt auf. »Ich habe dir schon mehr­mals gesagt, dass Chris­to­pher mich nur von der Feier nach Hause ge­fah­ren hat. Er ist ver­hei­ra­tet und hat gerade einen Sohn be­kom­men.«
»Och, das ist aber schade«, meinte meine Mutter ent­täuscht.
Ich steck­te mir die Kopf­hö­rer in die Ohren und war froh, dass das Bord­sys­tem mitt­ler­wei­le hoch­ge­fah­ren war. Dank­bar blen­de­te ich die Nör­ge­lei meiner Eltern aus und kon­zen­trier­te mich auf den Film. Die nächs­ten neun­zehn Stun­den waren die längs­ten und an­stren­gends­ten meines bis­he­ri­gen Lebens. Wir muss­ten zwei­mal um­stei­gen, da mein Vater zu geizig war, einen Di­rekt­flug zu buchen. Beide Male war ich kurz davor, den Heim­weg an­zu­tre­ten. Manch­mal könnte ich meinen alten Herrn in der Luft zer­rei­ßen. Als Chef­arzt in der städ­ti­schen Klinik ver­dien­te er nicht schlecht, doch er hielt uns an der kurzen Leine, als hätten wir Geld­pro­ble­me.
Er­freu­li­cher­wei­se stand mir für die Dauer un­se­res Auf­ent­halts ein ei­ge­nes Zimmer zur Ver­fü­gung, was al­ler­dings nur dem Zufall zu ver­dan­ken war. Mein Vater hatte zwar ver­sucht, eine Suite zu buchen, aber in diesem Club gab es keine und die an­de­ren Hotels waren ihm zu teuer. So musste er sich mit zwei über­ein­an­der­lie­gen­den Zim­mern be­gnü­gen, die sich mit sechs wei­te­ren in einem klei­nen Häus­chen be­fan­den.
Zu meinem Glück! Drei Wochen in einem Raum mit meinem Vater wären töd­lich ge­we­sen. Für mich oder für ihn. Wäre es nicht die Ka­ri­bik ge­we­sen, mit der meine Eltern mich ge­lockt hatten, hätten mich keine zehn Pferde zum Mit­flie­gen be­we­gen können. Aber ein Auf­ent­halt in der Do­mi­ni­ka­ni­schen Re­pu­blik über­trumpf­te alle ne­ga­ti­ven As­pek­te, die mir in den Sinn kamen.
Die Fe­ri­en­an­la­ge, in der wir un­se­ren Urlaub ver­brach­ten, be­her­berg­te meh­re­re Re­sorts, ein klei­nes Ein­kaufs­zen­trum und einige Bars, die in der Nacht gut be­sucht waren. Die meis­ten der Hotels waren höchs­tens ein bis zwei Jahre alt, un­se­res sogar erst ein paar Monate. Stel­len­wei­se roch es noch nach fri­scher Farbe und ich war mir nicht sicher, ob in meinem Bett über­haupt schon jemand ge­schla­fen hatte. Lä­chelnd fo­to­gra­fier­te ich die zwei kunst­voll zu einer Blüte ge­fal­te­ten Hand­tü­cher, die der Zim­mer­ser­vice lie­be­voll auf der Ta­ges­de­cke des Bettes dra­piert hatte. Nach einem wei­te­ren Motiv su­chend sah ich mich um.
Auf einem Tisch­chen neben der Bal­kon­tür stand eine Vase mit einem Or­chi­de­enzweig. Ich liebte diese zarten Blumen, die auf der Insel ge­nau­so ver­brei­tet waren wie bei uns zu Hause der Lö­wen­zahn. Egal ob auf Bäumen oder dar­un­ter, ob in Blu­men­töp­fen oder auf der Ra­sen­flä­che vor dem Haupt­ge­bäu­de, wo ich hinsah, wuchs eine Or­chi­dee. Es gab sie in allen Farben und Formen und diese Ex­em­pla­re ver­ström­ten zudem einen be­tö­ren­den Duft. Ich knips­te ein paar Nah­auf­nah­men der ro­sa­far­be­nen Blüten, dann warf ich seuf­zend die Kamera auf das Bett und begab mich auf den Balkon.
Ir­gend­je­mand hatte meinem Vater er­zählt, der Fe­bru­ar wäre der beste Monat, um in die Dom Rep zu flie­gen. Zu dieser Zeit wären die Tem­pe­ra­tu­ren noch an­ge­nehm und die Re­gen­zeit schon vorbei. Das mit der Re­gen­zeit mochte ja stim­men, aber unter ›an­ge­neh­men Tem­pe­ra­tu­ren‹ ver­stand ich etwas an­de­res. Viel­leicht emp­fand ich es auch nur als so heiß, da zu Hause tiefs­ter Winter herrsch­te. Laut Ther­mo­me­ter hatten wir näm­lich gerade einmal acht­und­zwan­zig Grad Cel­si­us. Schweiß­per­len bil­de­ten sich auf meiner Stirn, die sich nach kurzer Zeit über meine Schlä­fen und meine Na­sen­spit­ze einen Weg nach unten bahn­ten. Der sanfte Wind ver­schaff­te nur hin und wieder ein wenig Er­leich­te­rung.
Lange hielt ich es in der Nach­mit­tags­son­ne nicht aus und war des­halb kei­nes­wegs böse, als mich ein Klop­fen zurück ins Zimmer rief. Noch bevor ich den Gast her­ein­bit­ten konnte, öff­ne­te meine Mutter die Tür.
»Bist du so weit, Me­la­nie? Dein Vater möchte essen gehen.« Neu­gie­rig in­spi­zier­te sie mein Reich, um so­gleich vor­wurfs­voll mit dem Kopf zu schüt­teln. »Du hast ja noch nicht einmal aus­ge­packt.«
»Das mache ich nach­her«, er­klär­te ich und zerrte aus den Tiefen meines Kof­fers ein leich­tes Som­mer­kleid hervor.
»Dein Zimmer ist etwas klei­ner als un­se­res«, stell­te meine Mutter fest, wäh­rend sie un­ge­dul­dig auf mich war­te­te. »Beeil dich, sonst dreht dein Vater noch durch. Du weißt doch, wie er ist, wenn er hung­rig ist.«
»Mama, er ist immer so. Ich ver­ste­he nicht, wie du es mit ihm über­haupt aus­hältst.« Ich schnapp­te meine Son­nen­bril­le und steck­te sie in meine Haare. Als Chef­arzt brach­te ihm seine her­ri­sche Art si­cher­lich Vor­tei­le, doch als Fa­mi­li­en­va­ter ver­sag­te er in meinen Augen auf ganzer Linie. Meine Mutter zuckte nur mit den Schul­tern und hielt mir die Tür auf.
»Ich habe damals ver­spro­chen, in guten wie in schlech­ten Tagen zu ihm zu halten.«
»Das hat er auch und er hält sich nicht daran«, ar­gu­men­tier­te ich und ging die Treppe hin­un­ter. Ei­gent­lich tat sie mir leid. Sie litt unter der Be­zie­hung, konnte aber auf­grund ihrer re­li­giö­sen Ein­stel­lung nicht los­las­sen. Meine Mutter kam nicht mehr dazu, mir zu ant­wor­ten, da mein Vater in diesem Moment zu uns stieß.
»Na meine Damen, auch schon fertig?«, er­kun­dig­te er sich zy­nisch und mus­ter­te mich von oben bis unten. »Hast du ab­ge­nom­men, Me­la­nie? Du siehst in dem Kleid aus wie ein Klap­per­ge­stell.« Un­ge­dul­dig schob er meine Mutter aus dem Haus.
Wi­der­wil­lig folgte ich den beiden. In mir bro­del­te es ge­wal­tig. Mein Vater konnte mich nicht eine Minute in Frie­den lassen. Am lau­fen­den Band fand er etwas zum Be­män­geln. Ich war so ver­är­gert, dass ich nicht einmal die Schön­heit der Ho­tel­an­la­ge wahr­nahm, und kam erst zur Ruhe, als ich im Re­stau­rant in einen be­que­men Sessel sank.
Die Be­die­nun­gen, die hier her­um­flitz­ten, waren alle Do­mi­ni­ka­ner. Sie spie­gel­ten die bunte Mi­schung ver­schie­de­ner Kul­tu­ren und Rassen wider, die sich hier im Laufe der Jahre ge­bil­det hatte. Dun­kel­häu­ti­gen Men­schen war ich bisher nur ein paar Mal be­geg­net, daher starr­te ich den Kell­ner, der sich in ge­bro­che­nem Eng­lisch nach un­se­ren Wün­schen er­kun­dig­te, fas­zi­niert an. Seine ha­sel­nuss­brau­ne Haut glänz­te in der düs­te­ren Be­leuch­tung, als hätte er sie ein­ge­ölt. Er stell­te sich als Pepe vor und seine schnee­wei­ßen Zähne blitz­ten, als er mich dabei an­lä­chel­te.
Meine Mutter knuff­te mich in die Rippen, sobald Pepe den Tisch ver­las­sen hatte, um unsere Ge­trän­ke zu holen. »Der ist aber süß. Und wie der dich an­ge­lä­chelt hat.«
Noch bevor ich etwas sagen konnte, pol­ter­te mein Vater los: »Sag mal, Clau­dia, hast du voll­stän­dig den Ver­stand ver­lo­ren? Me­la­nie macht doch nicht mit einem Schwar­zen rum!«
Be­stürzt starr­te ich meinen Vater an. Diese ras­sis­ti­sche Seite an ihm kannte ich noch nicht. Dass er an meinen Typen kein gutes Haar lassen konnte – Mi­cha­el war die ein­zi­ge Aus­nah­me –, daran hatte ich mich schon ge­wöhnt. Un­ge­ach­tet dessen hatte er sich noch nie in so einem ab­fäl­li­gen Ton ge­äu­ßert.
»Schau nicht so ent­setzt. Ich finde das ekel­haft.« Es schüt­tel­te ihn re­gel­recht und die Ab­scheu, die bei dem Ge­dan­ken in ihm hoch­stieg, konnte man deut­lich er­ken­nen.
»Reg dich ab, Wolf­gang, sie will ihn ja nicht gleich hei­ra­ten. Gegen einen Ur­laubs­flirt ist doch nichts ein­zu­wen­den«, ver­tei­dig­te mich meine Mutter.
»Bist du von allen guten Geis­tern ver­las­sen? Kein Schwar­zer ver­greift sich an meiner Toch­ter«, schnauz­te er sie an, bevor er sich noch einmal ein­dring­lich an mich wandte. »Wenn ich dich auch nur in der Nähe dieses Kell­ners er­wi­sche, kannst du den Rest des Ur­laubs auf dem Zimmer ver­brin­gen. Wer weiß, was du dir bei so einem alles holst.«
»Papa! Jetzt reicht es aber! Er ist so­wie­so nicht mein Typ.« Ich rollte ge­nervt mit den Augen.
Pepe kam mit den Ge­trän­ken be­la­den an den Tisch zurück. Mein Vater mus­ter­te ihn ab­fäl­lig von oben bis unten. Mit einer stoi­schen Ge­las­sen­heit igno­rier­te der Kell­ner die Ver­ach­tung, die ihm ent­ge­gen­schlug, und stell­te mit einem strah­len­den Lä­cheln eine Cola vor mich hin. Da er mir ein wenig leid­tat, nickte ich ihm freund­lich zu. Sein Grin­sen wurde noch brei­ter, als ich mich in fast ak­zent­frei­em Spa­nisch bei ihm be­dank­te.
»Kind, ich ver­steh dich nicht. Der Junge ist doch rich­tig süß«, ver­such­te meine Mutter, mich noch einmal zu über­zeu­gen, nach­dem Pepe wei­ter­ge­zo­gen war.
Ich rollte mit den Augen. »Ja genau. ›Junge‹, das trifft den Nagel auf den Kopf. Er ist wahr­schein­lich gerade erst voll­jäh­rig ge­wor­den, wenn über­haupt. Wo­mög­lich käme ich noch wegen ›Ver­füh­rung Min­der­jäh­ri­ger‹ ins Ge­fäng­nis.«
»Red keinen Unsinn. Ich find ihn nied­lich!«
»Dann schnapp ihn dir doch selbst!«
Zu meinem Glück konn­ten meine Eltern die Ant­wort nicht mehr hören, denn in diesem Moment fing die Abend­un­ter­hal­tung an. Laute la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Klänge dröhn­ten von der Bühne zu uns her­über. Ich reckte meinen Kopf, um die Tänzer besser sehen zu können, er­hasch­te aber nur hin und wieder einen Blick auf die Paare. Frus­triert be­schloss ich, dafür zu sorgen, dass wir das nächs­te Mal einen Tisch direkt vor dem Podium be­ka­men.
Ich mochte alles, das ir­gend­wie mit Tanzen zu tun hatte. Seit etwa einem Jahr be­such­te ich einen Tanz­kurs, den die Uni für die Stu­den­ten anbot. Obwohl wir Mädels in der Über­zahl waren, machte es tie­ri­schen Spaß und ich konnte von mir be­haup­ten, in den la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Stan­dard­tän­zen sat­tel­fest zu sein. Nur Me­ren­gue, Bacha­ta oder Son hatte ich bis­lang noch nie ge­tanzt.
Da unser Essen auf sich warten ließ, nutzte ich die Ge­le­gen­heit, um das WC auf­zu­su­chen. Dass ich dafür an der Bühne vorbei musste, war mir na­tür­lich be­wusst. Ich ent­schul­dig­te mich bei meinen Eltern und schlen­der­te los. Hinter der Säule, die mir zuvor die Sicht ver­sperrt hatte, ver­weil­te ich und be­ob­ach­te­te ein­ge­hend, was die Tänzer zu bieten hatten.
Vier Pär­chen, die Männer in An­zü­gen, die Damen in knap­pen Mi­ni­kleid­chen, wir­bel­ten über das Par­kett. Bevor ich die Ani­ma­teu­re näher in Au­gen­schein nehmen konnte, wech­sel­te die Musik und ich traute meinen Ohren nicht. Sie spiel­ten tat­säch­lich den En­ten­tanz. Sollte das witzig sein?
Ja, es war witzig, wenn auch nicht be­ab­sich­tigt, denn der Mo­de­ra­tor kün­dig­te im selben Moment an, dass dies ein deut­scher Volks­tanz Namens Polka sei. La­chend kehrte ich zu un­se­rem Tisch zurück, ohne auch nur einen wei­te­ren Blick auf die Bühne zu werfen. Für heute hatte ich genug ge­se­hen. Dass ich ei­gent­lich aufs WC wollte, vergaß ich voll­kom­men.
»Kann man das stille Ört­chen auf­su­chen?«, er­kun­dig­te sich meine Mutter. Sie hatte eine Phobie, was öf­fent­li­che Toi­let­ten anging.
Da ich nicht wahr­heits­ge­mäß ant­wor­ten konnte, zuckte ich nur mit meinen Schul­tern und meinte: »Geht so.«
Meine Mutter nahm dies zum Anlass, von einem Besuch ab­zu­se­hen. Dem­entspre­chend schnell musste ich mein Abend­essen hin­un­ter­schlin­gen. Wir ver­lie­ßen das Lokal in dem Moment, in dem die Mi­cha­el-Jack­son-Show begann.
»Die wollte ich ei­gent­lich sehen«, murrte ich. Der Urlaub fing ja super an.
»Wir sind ganze drei Wochen hier. Wenn wir Pech haben, müssen wir das so­ge­nann­te Show­pro­gramm tag­täg­lich über uns er­ge­hen lassen. Du wirst es ver­kraf­ten, noch einen Tag darauf zu warten.«
Mein Vater dul­de­te keine Wi­der­re­de. Ich musste mit meinen Eltern zu un­se­ren Zim­mern zu­rück­zu­keh­ren, ob ich wollte oder nicht. Obwohl ich mitt­ler­wei­le ein­und­zwan­zig war, be­han­del­te er mich immer noch wie ein klei­nes Mäd­chen. Des­halb war es wie eine Be­frei­ung, als ich auf­grund des Stu­di­ums zu Hause aus­zie­hen konnte. Ich musste un­be­dingt einen Weg finden, mich auch hier abzuna­beln, sonst würde ich die Abende ge­lang­weilt auf meinem Zimmer ver­brin­gen.
»Ich geh noch schnell in die Lobby«, star­te­te ich den ersten Ver­such.
»Was willst du denn dort?« Mein Vater verzog un­wil­lig das Ge­sicht.
»Das Frei­zeit­pro­gramm von nächs­ter Woche holen. In den Un­ter­la­gen war nur das Alte. Das gilt nur bis morgen«, flun­ker­te ich.
»Wir haben ein Ak­tu­el­les im Zimmer. Das kannst du haben, da wir so­wie­so nir­gend­wo mit­ma­chen.« Mein Vater wollte mir ein­fach keine Chance geben, al­lei­ne los­zu­zie­hen. Seuf­zend folgte ich meinen Eltern, nahm den Flyer ent­ge­gen und begab mich in meine ei­ge­nen vier Wände.
Für heute gab ich auf, da mir der Flug noch in den Kno­chen steck­te. Ich stell­te mir al­ler­dings den Wecker, um mich in aller Frühe zu den ein­zel­nen An­ge­bo­ten an­zu­mel­den.


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